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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gegacker

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Humbug

Firlefanz

Kokolores

Larifari

Mumpitz

Papperlapapp

Schnickschnack

Tamtam

Trara

 

Leserbrief

 

Hühner sind dumm. Sie kündigen mit lautem Geschrei an, dass sie gelegt haben. Da wissen die Eierdiebe gleich Bescheid, dass wieder neue Beute zu holen ist.

Die Töne, die die Hühner von sich geben, nennen wir gackern, das heißt "gack" oder "kock" machen. Dieser Hühnerlaut ist auch Grundlage für unser Gockel, Gickel, französisch coq, englisch cock 'Hahn'. Statt gackern sagt man in manchen Gegenden auch gackeln. Die Anfügungen -ern und -eln deuten wie in klappern, scheppern, rappeln, strampeln eine Wiederholung an.

Der Hühnerlaut steckt auch in Kokolores 'unsinniges Getue', eigentlich 'Gegacker'. Die Endung von Kokolores erinnert an lateinische Wörter wie mores, errores, colores 'Sitten, Irrtümer, Farben'. Das Wort ist im 16er-Jahrhundert aufgekommen. Ein ähnliches englisches cockalorum bedeutet 'Hahn' oder 'Feuer' ("roter Hahn"). Beide Wörter wurden von Studenten erfunden, die lateinisch unterrichtet wurden und untereinander einen Mischmasch aus ihrer Muttersprache und Latein sprachen.

für 'geräuschvolles Getue' nehmen wir gern Schallwörter, bei denen sich Silben wiederholen, teils in abgewandelter Gestalt wie Schnickschnack, Papperlapapp, Trara. Ein Tamtam ist eine Art Gong aus Indien. Man kann ihn wie ein Fanfarensignal (Trara) benutzen, um Wichtiges oder Bedeutungsloses anzukündigen. Larifari deutet eine Melodie an, die man vor sich hin trällert, nach den italienischen Notennamen do re mi fa so la ti do, also la-re-fa-re.

Den Übergang zu richtigen Wörtern bildet Firlefanz. So nannte man im Spätmittelalter einen Tanz. Das Füllwort vireli kam in altfranzösischen Liedern im Refrain vor und entspricht etwa unserem vallera. Aus dem französischen Wort bildete man virelai 'Tanzlied'. -fanz war vielleicht auch nur ein Füllwort. Es erinnerte aber an mittelhochdeutsch vanz 'Taugenichts', aus italienisch infante 'Kind', Kurzform fante 'Bube, leichtfertiger Kerl'. So bekam Firlefanz die Bedeutung 'Albernheit, Verrücktheit'.

Humbug 'Schwindel, Unsinn' kommt zwar aus dem Englischen, wird aber deutsch ausgesprochen. Hum ist 'summen' und bug 'Wanze, Schadinsekt'. Humbug ist also ein 'nichtssagendes Getöse, mit dem ein Schwindler seine Opfer ablenken will'.

Auch Mumpitz bedeutet 'Schwindel, Unsinn' und erinnert an oberhessisch Mombotz 'Schreckgestalt, Gespenst', zusammengesetzt aus mummen 'verkleiden' und Butz 'Schreckgespenst'. Wer sich als Gespenst verkleidet, um die Leute zu erschrecken, treibt Unsinn und ist ein Schwindler.

Betrüger wollen uns mit ihrem Firlefanz ablenken, um uns Schaden zuzufügen. Summende Insekten und gackernde Hühner sind wenigstens ehrlich. Sie sagen "Achtung, ich komme und steche dich" oder "Alle herhören, ich habe ein Ei gelegt."

 

 

 

 


Leserbrief:

Hühner sind nicht nur dumm, weil sie verraten, wann sie ein Ei gelegt h a b e n , sondern auch noch deshalb, weil sie es oft v o r h e r ankündigen.

In Südhessen (vielleicht auch anderswo) gibt es die Redenart:

  • "Jetzt hoschde gegätzt, jetzt läig aach"
    (Jetzt hast Du gegätzt, jetzt leg auch).

Gemeint ist hiermit die Aufforderung, eine angefangene oder angedeutete Geschichte (oft ein Gerücht) zu Ende zu erzählen.

Wer (wie ich) Gelegenheit hatte, als Kind das Verhalten freilaufender Hühner auf einem fränkischen Bauernhof (geschlossener Hof mit Mistkautr in der Mitte) ausführlich zu beobachten, weiß, das die meisten Hühner v o r  dem Eierlegen "gätzen". Es handelt sich um ein eher leises, krächzendes Geräusch, das die Tiere von sich geben, bevor sie das Nest aufsuchen, um ein Ei abzulegen. (Das Wort "gätzen" ist Lautmalerei.) Meistens laufen sie dabei etwas aufgeregt im Hof herum.

Früher kam es vor, das die Hühner nicht nur in das von der Bäuerin vorgegebene Nest, sondern irgendwo auf dem Heuboden ihre Eier ablegten. Ob es nur deshalb war, weil das Nest gerade durch ein anderes Huhn besetzt war oder ob die Hühner instinktiv das Wegnehmen der Eier durch die Bäuerin verhindern wollten, sei dahingestellt. Manchmal kam es sogar vor, dass sie ihr Gelege auf dem heimlich angelegten Nest auf dem Heuboden ausbrüteten und zur Überraschung der Bäuerin plötzlich mit einer Anzahl von Küken auf dem Hof erschienen.

Das "Fremdlegen" der Hühner (manchmal auch in Nachbars Nest!) merkte die Bäuerin in der Regel daran, dass im eigentlichen Nest weniger Eier waren, als eigentlich da zu sein hätten. Also verfolgte man die Hühner beim "Gätzen" und kam ihnen schnell auf die Spur.

Noch ein Wort zum "Gackern": Weshalb Hühner eigentlich n a c h dem Legen gackern, ist mir bis heute noch nicht klar (vielleicht kann ein Biologe darüber Auskunft geben). Es ist bestimmt nicht aus Dummheit, um dem "Räuber" kund zu tun, dass sie ein Ei gelegt haben. Vielleicht ist es die Freude über ein zu erwartender Nachwuchs? Vielleicht gackern sie aber auch vor Schmerzen, denn ich kann mir vorstellen, dass das Legen eines Eis mit der starken Dehnung des Hinterteils mit Schmerzen einer Frau bei der Geburt eines Kindes zu vergleichen ist.

 

Meine Antwort:

Ganz so widersinnig, wie es scheint, ist das Gegacker wohl nicht. Letztes Jahr fuhren wir mit dem Rad durchs Feld, da rannte auf einmal eine aufgeregte Wachtel eine ganze Weile vor uns her. Ich vermute, dass sie uns von ihrem Gelege ablenken wollte. Andere Vögel machen das ja ähnlich. Es könnte also sein, dass das Huhn eventuelle Feinde vom Nest ablenken will, indem es die Aufmerksamkeit auf sich selbst zieht.

 

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Echo Online

 

Datum: 08.05.2007

Aktuell: 26.07.2016