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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Trojaner

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn seriöse Firmen elektronische Rechnungen verschicken, sprechen sie im Begleitschreiben den Empfänger persönlich an und nennen die Kundennummer. Neulich bekam ich von einer bekannten Firma eine Rechnung. Im Anschreiben stand mein Name und eine Kundennummer, wie sich's gehört. Der Fehler war nur: Ich bekomme von dieser Firma nie eine Rechnung, die monatliche Gebühr wird laut Vertrag abgebucht und eine Kundennummer habe ich auch nicht. Also war das ein Versuch, mit einem "Trojaner" meine Geheimzahlen auszukundschaften. Hätte ich die angebliche Rechnung im Anhang geöffnet, hätte ich mir einen Schädling auf den Computer geladen.

Der Trojaner, ein eingeschleuster Spion auf dem Computer, hat seinen Namen vom trojanischen Pferd, mit dem sich griechische Krieger in die belagerte Stadt Troja eingeschmuggelt hatten. Der Priester Laokoon hatte vergeblich vor diesem "Danaergeschenk" gewarnt. Danaer war in der griechischen Dichtung ein Name der Griechen. Tatsächlich war das einer der Seevölkerstämme, die im 13. Jahrhundert das östliche Mittelmeergebiet terrorisierten, Ägypten angriffen und dem Hethiterreich ein Ende machten.

Der Fortgang der Sage ist bekannt: Troja wurde zerstört, nur Aeneas konnte sich mit seiner Familie retten, wanderte nach Italien aus und wurde zum Stammvater der Römer. Das behauptet der römische Dichter Vergil.

Weniger bekannt ist die Sage, dass ein Sohn des Aeneas nach Deutschland kam und am Niederrhein ein neues Troja gründete, die Colonia Trajana, das heutige Xanten. Das behauptet das mittelhochdeutsche Annolied (um 1100). Tatsächlich nannte man diese Stadt im Mittelalter ebenfalls Troja. Die Bewohner waren allesamt Trojaner, aber mehr oder weniger harmlos.

Ein ganz gefährlicher Trojaner aber war Hagen von Tronege, gesprochen "Troneje", in der nordischen Überlieferung "von Troja". Der schlich sich nämlich wie ein moderner Trojaner in das Vertrauen Kriemhilds ein und spionierte die schwache Stelle Siegfrieds aus. Der war ja durch eine "Firewall" aus Drachenblut unverletzlich geworden – bis auf eine kleine Stelle am Rücken, auf die ein Lindenblatt gefallen war. Kriemhild war so naiv, dem Hagen das "Passwort" ihres Mannes zu verraten, und genau an dieser Stelle setzte der Trojaner wenig später den tödlichen Speer an. Pech für Siegfried.

Ein moderner Trojaner aber will nicht wie Hagen morden, sondern ans Geld. Auch das hat Hagen gemacht: Er bemächtigte sich des Nibelungenschatzes, der eigentlich Kriemhild gehörte, und versenkte ihn in den Rhein. Dort liegt er bis zum heutigen Tag. Hagen hat das Geheimnis des Ortes mit ins Grab genommen und sein "Passwort" niemand verraten. Als geborener Trojaner wusste er, worauf es ankommt.

   

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Echo Online

Sprachecke 27.03.2012 | 29.05.2012 | Türkeireise 2012

 

Datum: 19.06.2007

Aktuell: 26.03.2016