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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Freizeit

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern verreisen, machen sie mit ihnen "Urlaub" und verbringen ihre "Ferien" an einem anderen Ort. Wenn sie mit ihrer Gruppe verreisen, nehmen sie an einer "Freizeit" teil. Ich habe selbst viele solcher Veranstaltungen geleitet, gestaltet mit einem so reichhaltigen Programm, dass sich die Kinder manchmal beschwerten, sie hätten überhaupt keine "Freizeit". Ein missverständliches Wort also. Wir haben daher unsere Maßnahmen umbenannt in "Feriengemeinschaft".

Freizeit als 'mehrtägiger Aufenthalt einer Gruppe in einer Herberge' kam vor dem ersten Weltkrieg auf. 1913 veranstaltete der Jugendbund für Entschiedenes Christentum die erste Jugendfreizeit in Deutschland. Vorbild waren die englischen Jugendlager, die seit 1907 von den Pfadfinderverbänden durchgeführt wurden.

Der Ausdruck Freizeit in dieser Sonderverwendung steht ganz im Schatten der allgemeinen Bedeutung 'arbeitsfreie Zeit'.

Dieses Schlagwort kam um 1870 auf, als man begann, die überlangen Arbeitszeiten der Fabrikarbeiter zu kürzen. So entstand eine Zeit, die weder durch Erwerbsarbeit noch durch lebensnotwendige Verrichtungen und häusliche Tätigkeiten gefüllt war. Sie konnte zur Erholung und für Liebhabereien genutzt werden.

"Freizeit" gibt es also erst seit etwa 140 Jahren. Und vorher? Musste man da schuften bis zum Umfallen? Nein, schon vor der Industrialisierung gab es freie Zeit, nur hat man sie anders genannt, etwa Feiertag, Feierabend und in der Schule: Pause und Ferien. Das waren festgelegte Zeiten, an denen man nicht arbeitete. Und auch sonst hatte man immer wieder "Muße", zu einem Schwätzchen, zum Lesen, zum Briefschreiben, zu einem Besuch, zu einem Bierchen oder zur künstlerischen Betätigung, also um die "Musen" zu pflegen.

Musen, griechisch Μοῦσαι Moûsai, nannte man in der Antike die Göttinnen der Kunst und Wissenschaft. Ihr Name ist uns erhalten in den Ableitungen Museum 'Musensitz, Ausstellung von Sammlungen', Musik 'Tonkunst' und Mosaik 'Bild aus Steinchen' (lateinisch musaicum opus, ursprünglich 'künstlerische Ausgestaltung einer Musengrotte').

Unser Wort Muße hat damit nichts zu tun, sondern – man soll's kaum glauben – mit müssen. Ist Muße also eine Zeit, in der man nicht muss? Nein, die modalen Hilfsverben haben im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verändert: Mögen bedeutete ursprünglich 'können', dürfen 'nötig haben', brauchen 'benutzen' und müssen 'Gelegenheit haben für etwas', daher 'können, dürfen, mögen, sollen' und schließlich 'zu etwas gezwungen sein'. Ist der Mensch ein Sklave seiner Möglichkeiten?

Wie heute die Arbeitslosigkeit die schlimme Zwillingsschwester der Freizeit ist, so war der Müßiggang, die faule Untätigkeit, der ungezogene Bruder der Muße.

   

 

 

 

 

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Echo Online

Sprachecke 20.07.2004

 

Datum: 17.07.2007

Aktuell: 26.07.2016