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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das verscherbelte Schäflein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bibelkenner lieben diese Geschichte: Am Spendenschalter im jüdischen Tempel stehen die Gläubigen Schlange. Ein Tusch: Der Großbankier hat einen Tausender gespendet. Als nächste eine arme Frau: Zwei Cent kramt sie aus ihrem Beutel. Kein Tusch. Aber Jesus, der die öffentlichen Verhandlungen mit dem Priester mithört, lobt die Frau: "Der Bankier hat nur einen Bruchteil seines Vermögens gestiftet, die Frau alles, was sie hatte", ihr Opfer ist größer. Nachzulesen unter "Das Scherflein der Witwe" in Markus 12,41-44.

Scherflein kommt von Scherbe im Sinn von 'Bruchstück'. Zur Zeit Luthers war das Scherflein in Norddeutschland die kleinste Münze, ursprünglich noch nicht mal eine Münze, sondern nur ein "Scherblein", die Hälfte eines Pfennigs. In Hessen nannte man daher den halben Pfennig Hälbeling. In Schwäbisch-Hall prägte man ihn als Heller. Das Geld war früher mehr wert als heute: 1622 wurde ein Schwein auf 2 Gulden taxiert,[1] das waren 480 Pfennige oder 960 Heller. Für umgerechnet 245 Cent bekommt man heute allenfalls ein Sparschwein.

Der Scherf oder das Scherflein ist seit langem nicht mehr in Gebrauch, aber es hat Pate gestanden bei dem Wort verscherbeln 'für ein paar Scherflein verkaufen'. Und es hat sich die Redensart gehalten: "Auch sie trug ihr Scherflein dazu bei", auch sie hat etwas gespendet. Scherflein bekam damit die Bedeutung 'ein Beitrag, den jemand leistet'.

An Stelle seines Scherfleins kann man auch seinen Obolus entrichten, das war der lateinische Name dieses Geldstücks. Im alten Griechenland hieß die kleinste Münze ὀβολός obolós. So viel kostete nach griechischem Glauben die Überfahrt ins Totenreich; man legte den Toten das Fahrgeld auf die Zunge. Das Wort bedeutet eigentlich 'Spieß', nach der Form der ersten genormten Geldstücke. Sechs solcher "Spieße" gaben eine δραχμή Drachme 'Handvoll'.

Neulich las ich den Ausdruck "sein Scherflein ins Trockene bringen". Wie denn das? Die Spendengelder für Flutopfer in Asien vor Feuchtigkeit schützen?

Tatsächlich ist es ein Schäflein, nicht ein Scherflein, das jemand ins Trockene zu bringen versucht. Etwa indem er es von einer vom Hochwasser bedrohten Weide in höheres Gelände führt oder aus dem Regen in den Stall. Denn auch ein Schaf ist Geld wert. Die Redensart wird aber im übertragenen Sinn gebraucht: sein Geld sicher anlegen, besonders wenn es nicht ganz redlich erworben wurde. "Sein Schäfchen ins Trockene bringen", damit ist kein fürsorglicher Tierfreund gemeint, sondern ein Egoist, der bei einer Katastrophe erst sein Eigentum rettet, ohne sein Scherflein dazu beizutragen, dass auch den anderen geholfen wird.[2]

 

[1] Heimatbuch Crumstadt  1, 148

[2] Quelle des Bildes könnte Mt 12,11 sein: "Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushillft?" Gedacht ist wohl an eine Zisterne, in der Regenwasser gesammelt wird.

 

 


Korrektur
Ich ging von der falschen Information aus, dass die kleinste Münze eine "Sollbruchstelle" hatte, so dass man sie halbieren konnte.

Ein Münzfachmann meinte aber, »dass auch in dem Fachkatalog für Münzen mit Teilungsmarkierungen keine Münzen aufgeführt seien, die wirklich eingekerbt waren. Die Münzen seien nie brechbar gewesen, das Metall habe sich allenfalls verbogen. Man habe natürlich auch mal Münzen halbiert, das aber immer mit einer Schere, denn dieses Kleingeld, um das es sich hierbei handelt, sei stets sehr dünn gewesen.«

Da es den halben Pfennig ja als geprägten Heller = Scherflein gab, brauchte man den Pfennig gar nicht zu zerbrechen oder zerschneiden.

 

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Echo Online

 

Datum: 14.08.2007

Aktuell: 26.03.2016