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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Lieblingstier

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Tierschützer, Biologen, Verhaltensforscher, Märchenerzähler und Sprachforscher haben ein gemeinsames Lieblingstier: den Wolf. Tierschützer freuen sich, dass er wieder nach Deutschland zurückkehrt. Biologen sehen in ihm den Stammvater des Hundes. Verhaltensforscher bewundern seinen sozialen Sinn. Märchenerzähler benutzen ihn, um kindliche Ängste zu artikulieren. Und die Sprachforscher ergötzen sich an dem unaussprechlichen Grundwort hvlqos, das sie durch Vergleich der Bezeichnungen in allen indogermanischen Sprachen erschlossen haben.

Die überlieferten Vokabeln sind so unterschiedlich wie die Interessen der Wolfliebhaber: Hindi वृक vrika, griechisch λύκος lýkos, lateinisch lupus, gotisch wulfs, litauisch vilkas, albanisch ulk, tschechisch vlk. Das anlautende W ist teilweise ausgefallen. In Indien ist L regelmäßig zu R geworden. Das Q wurde teilweise zu K, teilweise zu P oder F. Das alles lässt sich einfach erklären. Aber nach den Sprachregeln müsste der lateinische Wolf nicht lupus, sondern *volquus, der griechische nicht lýkos, sondern *álpos heißen. Auch hat gotisch wulfs weit mehr Ähnlichkeit mit lateinisch vulpes 'Fuchs' als mit lupus. Das geforderte griechische *álpos erinnert an griechisch ἀλπηξ alṓpēx das ebenfalls 'Fuchs' bedeutet. Hier haben sich die Wörter und Bedeutungen von "Wolf" und "Fuchs" gekreuzt, während in der Natur sich beide Tiere nicht kreuzen können.

Kreuzungen wie die zwischen Wolf und Hund kennen auch die Biologen. Und zwischen den indogermanischen Wölfen und ihren Nachkommen hat es das gegeben, was die Biologen Mutationen nennen, sprunghafte Veränderungen.

Auch den Verhaltensforschern wird einiges bekannt vorkommen, nicht bei den Buchstaben, sondern bei den Menschen, die diese Wörter gebraucht haben: Der Wolf hat vor dem Menschen Angst und geht ihm nach Möglichkeit aus dem Weg. Der Mensch hat vor dem Wolf Angst und geht ihm ebenfalls aus dem Weg, manchmal auch in der Sprache. Man hat sich gescheut, dieses gefährliche Tier mit seinem richtigen Namen zu nennen, es könnte ja sein, dass es sich angesprochen fühlt und herbeikommt. Also sagte man nicht Wolf, sondern Isegrimm oder der Graue. Die Nordleute sagten vargr 'der Fresser', die Iren faolchú 'Heulhund', ähnlich die Armenier gail 'Heuler'. Wir kennen solche "Tabuwörter" auch vom Teufel, den man "Gottseibeiuns" oder "den Bösen" nannte.

Vielleicht lassen sich ja auch die Unregelmäßigkeiten beim angestammten Wort für 'Wolf' damit erklären, dass man die Wörter absichtlich verdrehte wie beim Teufel, den man Deixel hieß.

Und woher kommt das Grundwort wlqos 'Wolf'? Es ist abgeleitet von indogermanisch wel- 'reißen, ein Blutbad anrichten'. Vielleicht war das auch schon eine Umschreibung.

   

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Echo Online
Etymologie Wolf

 

Datum: 29.08.2007

Aktuell: 17.11.2016