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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Unsagbares Rumpelstilzchen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Manchmal drücken wir uns unnötig umständlich aus: Ein Ereignis vor 20 Jahren geschah "in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts". Die Achtziger dieses Jahrhunderts lassen noch lange auf sich warten, an die des 19. Jahrhunderts kann sich niemand mehr erinnern. Also warum nicht einfach "in den Achtzigerjahren"?

Nach der Wiedervereinigung redete man eifrig von den "neuen Bundesländern". Wenn Politiker diesen Ausdruck gebrauchen, ist das berechtigt, wenn sie die dortigen Verhältnisse mit denen in den alten Bundesländern vergleichen. Aber sonst? Ein Bekannter sagte einmal: "Ich fahre nächste Woche in die neuen Bundesländer." Das hörte sich nach einem offiziellen Staatsbesuch an. Dabei wollte er nur über die Thüringische Grenze nach Meiningen. Warum hat er nicht einfach "Ostdeutschland" gesagt? Heute ist dieser Name häufiger zu hören als "neue Bundesländer". [1]

Wir haben uns ja immer schwer getan mit dem Namen für das Land zwischen Elbe und Oder. Aus der Nachkriegszeit stammte der Ausdruck "Sowjetzone, Ostzone" oder kurz "Zone", amtlich "SBZ" 'Sowjetisch besetzte Zone. Oder man umschrieb mit "drüben". "Ostdeutschland" durfte man nicht sagen, denn da waren ja noch die ehemaligen Ostgebiete, bis in die Siebzigerjahre auf den Karten ausgewiesen als "unter polnischer" oder "sowjetischer Verwaltung". "DDR" durfte man auch nicht sagen, weil dieser Staat nicht anerkannt war. Also behalf man sich mit "Mitteldeutschland", ein Ausdruck, der auch die Gegend zwischen Nord- und Süddeutschland bezeichnet. Schließlich bequemte man sich zähneknirschend zur "so genannten DDR". Nachdem man diesen Zusatz weggelassen hatte und nur noch "DDR" übrig geblieben war, konnte man diese drei Buchstaben bald vergessen. Und dann fingen wir wieder umständlich an mit den "Neuen Bundesländern".

Noch umständlicher ist der Ausdruck "Menschen mit Migrationshintergrund". Vor ein paar Jahren nannte man sie kurz "Migranten" 'Wandernde'. Immigranten oder "Einwanderer" wollte man nicht sagen, weil Deutschland angeblich kein Einwanderungsland ist. "Migranten" ignoriert aber, dass diese Leute nicht weiterwandern, sondern bleiben wollen. Also behilft man sich mit einer umständlichen Formulierung. Früher redete man von "ausländischen Mitbürgern", als wolle man damit beschönigen, dass diese Menschen aus dem Ausland kommen und an den Traditionen ihrer Heimat festhalten. Warum sagen wir nicht einfach "Einwanderer"?

Ein böser Dämon bedrängte eine junge Frau. Er hatte so lange Macht über sie, wie sein Name nicht bekannt war. Als sie ihn aber nannte, wie er wirklich hieß, "Rumpelstilzchen", der mit dem Holzbein poltert, war seine Macht gebrochen. Warum scheuen wir uns, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen?

   

 

 

 

 

 

 

[1] am 12.09.2007 bei Goggle: 3.340.000 mal "Ostdeutschland", 1.930.000 mal "neue Bundesländer", "neuen Bundesländern"

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Echo Online

Fragen Migranten | Sprachecke 16.10.2012

 

Datum: 02.10.2007

Aktuell: 26.03.2016