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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Apfelwein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Apfeltrank

Apfelwein

cidre

Most

síkera

Stöffchen

Viez

Wein

 

Gerade nochmal gut gegangen: Der Apfelwein bleibt uns erhalten, nicht nur das Getränk, sondern auch der Name. In Brüssel war vorgesehen, dass Wein künftig nur noch das aus Weintrauben gekelterte vergorene Getränk heißen soll. Jetzt ist dieser Plan erst mal vom Tisch.

Der Wein scheint im Kaukasus beheimatet zu sein. Nach der Bibel war Noah nach seiner Landung auf dem Ararat der erste Weinbauer. Im westlichen Kaukasus ist die urtümlichste Form des Wortes erhalten: georgisch ghwino, armenisch gini. Von da aus trat der Wein seinen Siegeszug an. Die Semiten übernahmen das Wort als wain oder jain, die Griechen als (w)oînos, von ihnen die Etrusker und von diesen wiederum die Römer (vinum). Durch die Römer wurde das Wort im restlichen Europa bekannt: althochdeutsch wîn, deutsch Wein. Das Wort bezeichnete immer das gekelterte und vergorene Getränk. Der Weinstock und seine Teile haben in den alten Weinbauländern andere Namen.

In klimatisch weniger begünstigten Gebieten hat man das begehrte Getränk auch aus anderen Früchten als aus Trauben gepresst. Schon der Römer Plinius (1. Jahrhundert) berichtet, dass vinum 'Wein' auch aus Äpfeln und Birnen hergestellt wurde. Die Germanen kannten ein alkoholisches Getränk namens lîþu, das nicht näher bestimmt werden kann – das Wort bedeutet 'trübe Flüssigkeit'. Vielleicht war es Obstwein. Altdeutsch lît war noch im Mittelalter gebräuchlich.

Ihm entspricht griechisch síkera 'alkoholisches Getränk'. Es stammt aus aramäisch schikrâ und kommt von einem semitischen Wort für 'sich betrinken'. Hebräisch schikkôr 'betrunken' ist übers Jiddische bei uns als schicker bekanntgeworden.

Das lateinische sicera wurde im Französischen zu cidre Apfelwein', von dort ging das Wort als cider ins Niederländische und Englische. Im 16. Jahrhundert ist es als Sider auch bei uns bezeugt.

Im Mittelalter sagte man aber Apfeltrank. Apfelwein ist erst seit etwa 1700 bezeugt. Dazwischen klafft eine Lücke. Es sieht so aus, als sei der Apfeltrank im wohlhabenden 16. Jahrhundert durch Wein ersetzt worden. Dann kamen der Dreißigjährige Krieg und die Kälte. Vielleicht musste man damals den Apfelwein neu erfinden. Ähnlich soll es in der hessischen Apfelweinmetropole Frankfurt zugegangen sein: Die dortige "Ebbelwoi"-Kultur wird erst seit dem 19. Jahrhundert gepflegt.

Für Obstwein sagt man auch Most (lateinisch mustum). Dieses Wort ist missverständlich, weil es einerseits Fruchtsaft, andrerseits den im Gären befindlichen Traubenwein bezeichnet.

Stoff nannten die Studenten scherzhaft ihr "Grundnahrungsmittel", den Wein. Mit dem geringeren Stöffchen 'Apfelwein' mussten die Burschen vorlieb nehmen, die sich den teuren Traubenwein nicht leisten konnten.

   

 

 

 

Leserbrief

Im Saarland hat der Apfelwein den merkwürdigen Namen Viez, der angeblich von "vice vinum" 'anstelle von Wein' stammt: Die Römer sollen dort, wo es keinen Wein gab, den Apfelwein als Ersatz konsumiert haben. Ich würde mich freuen, wenn Sie Genaueres darüber wüßten.

 

Meine Antwort

Das lateinische vice 'wechselseitig, an Stelle von' wurde hauptsächlich von menschlichen Stellvertretern gebraucht, bei Sachen bedeutete es "nach Art von, wie", z.B. von Natron, das jemand wie Salz aufs Brot streute, oder von einem Gegenstand, der als Deichsel benutzt wurde. Von daher wäre ein "vice vinum" 'als / wie Wein' nicht ausgeschlossen.

Ich hätte in diesem Falle aber "pro vino" gesagt.

Im Neulateinischen sagt man zu einem Ersatzstoff (z.B. für Kaffee) surogatum. Weinersatz wäre also "vinum surogatum".
In Fremdwörtern war und ist das /i/ in vice immer kurz, also nicht "fieze", sondern "fitze". Obwohl wir doch geneigt wären, an dieser Stelle ein langes I zu sprechen. Auch das spricht gegen eine Erklärung Vietz < vice.
Auch die Auskunft, dass vice zuerst den Tresterwein bezeichnet habe, ist sehr fragwürdig, denn dazu sagten die Römer lora oder lorea > deutsch Lauer.
Lautlich möglich wäre ein Zusammenhang mit dem heiligen Vitus (Veit), der auch als Schutzpatron der Bierbrauer, Gastwirte und Winzer verehrt wird:

  • Vitus > Fiet(e)s > Viez?

Ich glaube kaum, dass der Ausdruck alt ist. Bei meinen Apfelweinforschungen war mir aufgefallen, dass zwischen dem mittelalterlichen Apfeltrank und dem neuzeitlichen Apfelwein eine Lücke von über hundert Jahren klafft, die vielleicht so zu erklären ist, dass das mittelalterliche Getränk außer Mode kam, weil es den Leuten so gut ging, dass sie sich echten Wein leisten konnten. Zur Zeit des 30jährigen Kriegs wurden viele Weinbaugebiete verwüstet und dann kam die "kleine Eiszeit", so dass auch deswegen die Anbauflächen zurückgingen und Traubenwein durch Apfelwein ersetzt wurde. Vielleicht war es ein Veitskloster im Rheinischen, das in dieser Zeit den Apfelwein gefördert hat.

Ich vermute, dass Viez erst in dieser Zei entstanden ist, entweder als scherzhafter Name zu bekannten Fremdwort Vice... oder nach dem Heiligen oder seinem Kloster.

 

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Echo Online

 

Datum: 13.11.2007

Aktuell: 26.07.2016