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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Zeiten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief

 

Im altnordischen Gedicht "Der Seherin Gesicht" werden drei Schicksalsgöttinnen (Nornen) vorgestellt: Urðr, Verðandi, Skuld: 'was geschehen ist, geschieht, sein soll'. Wir sagen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und vergleichen damit die Zeiten mit Gehen, Anwesenheit und Kommen. Die Lateiner sagen praeteritum 'vergangen', praesens 'vorhanden', futurum 'was sein wird'.

Dieses unser Zeitverständnis spiegelt sich auch in der Grammatik: Vergangenheit: Ich sang, Gegenwart: Ich singe, Zukunft: Ich werde singen. Tatsächlich unterscheiden wir aber nur zwei Zeitformen: Gegenwart singe, Vergangenheit sang. Gesungen ist keine Zeitform, sondern Partizip. Wir haben also nur zwei einfache Zeiten: "ich singe, ich sang" und mehrere zusammengesetzte ich habe / hatte gesungen, ich werde singen. Die Zukunft ist keine "Zeit", sondern eher ein Modus wie Indikativ (ich singe) und Konjunktiv (ich sänge), der ja heute meist auch mit einem Hilfsverb gebildet wird: würde singen. Eigentlich ist das ja auch logisch: Die Vergangenheit steht unveränderlich fest, auch wenn wir vieles vergessen haben. Die Gegenwart kennen wir. Die Zukunft kennen wir nicht. Sie ist offen und hat mehrere Möglichkeiten: Ich weiß nicht, ob ich singen werde. Ich möchte, aber ich kann nicht. Ich soll, aber ich will nicht. Ich darf nicht und tu's trotzdem… Es hat also wohl seine Berechtigung, wenn ich werde singen gebildet ist wie ich kann, soll, muss, darf, will singen.

Auch die Vergangenheit kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten: Ein Vorgang kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken ("die Lampe brannte") oder nur einen Augenblick dauern ("es blitzte"). Ein Geschehen in der Vergangenheit kann wirklich vergangen sein ("sie ging" und ist schon längst wieder da) oder kann Auswirkungen in der Gegenwart haben ("sie ging" und ist seitdem weg); "er baute" (ein Haus, das heute noch steht). In den alten Sprachen hatte man dafür besondere grammatische Formen. Im Deutschen müssen wir umschreiben, können das aber in jeder Zeitstufe ausdrücken: "fliehen" (unabhängig von Dauer und Erfolg); "entfliehen" (erfolgreich); "auf der Flucht sein" (längere Zeit) – "bauen" (allgemein); "erbauen" (erfolgreich); "an etwas herum bauen" (und nie fertig werden).

Das deutsche Wort Zukunft ist nicht dem lateinischen futurum nachgebildet, sondern entspricht adventus, das wir heute mit 'Ankunft' übersetzen. Es wurde als Advent 'Vorweihnachtszeit' in unsre Sprache übernommen. Gemeint ist nicht das kommende Fest, sondern das Kommen des Erlösers und die Zukunft unsrer Welt. Das entsprechende griechische παρουσία parousía bezeichnet beides: Ankunft und Anwesenheit, Zukunft und Gegenwart in einem.

   

 

 

 

Leserbrief:
Was ja zu diesem Thema auch noch gepasst hätte, sind die drei Geister aus Charles Dickens "Christmas Carol": Der Geist der vergangenen Weihnacht, der Geist der heutigen Weihnacht und der Geist der Weihnachtsfeste, die noch kommen werden.

 

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Echo Online

Sprachecke 19.20.2010

 

Datum: 04.12.2007

Aktuell: 22.12.2016