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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Volksherrschaft

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In den Vereinigten Staaten ziehen Demokraten in den Wahlkampf gegen die Republikaner. Was die beiden Parteien voneinander unterscheidet, ist für uns kaum verständlich. Denn die Namen deuten nicht wie bei uns die Besonderheiten des Parteiprogramms an.

Republik ist ungefähr dasselbe wie Demokratie: Hier entscheiden nicht die Mächtigen unter sich, wer regieren darf, sondern es werden die Regierungsvertreter für eine begrenzte Amtszeit durch allgemeine, freie und gleiche Wahlen bestimmt. Im deutschen Sprachgebrauch unterscheiden wir diese Art von Machtausübung als Demokratie von der verfassten Staatsform einer Republik. Der Unterschied ist etwa derselbe wie der zwischen Monarchie 'Staatsoberhaupt auf Lebenszeit ist ein Mitglied des Hochadels' und Königreich 'ein Staat, an dessen Spitze ein König steht'. Wie die Beispiele der modernen Staaten zeigen, gibt es demokratische Monarchien und undemokratische Republiken, in denen das Militär, eine reiche Familie oder eine Einzelperson die Macht ausübt.

Beide Begriffe haben ihre Wurzeln in der Antike. In Rom hatte man den König abgesetzt und machte seitdem Politik ohne ihn. Man nannte die neue Staatsform rēs pūblica 'öffentliche Angelegenheit' und unterschied sie nicht nur vom abgeschafften rēgnum 'Königtum, Monarchie', sondern auch von den rēs prīvatae 'Privatangelegenheiten'. Bedingt durch die geschichtliche Entwicklung dehnte sich die "öffentliche Angelegenheit" auf ein immer größeres Gebiet aus. Als Träger der Macht galten der Senat und das römische Volk. Die eroberten Gebiete unterstanden dem imperium Rōmānum, der römischen Befehlsgewalt. Schließlich wurde die Republik auch für die Stadtrömer ersetzt durch das imperium des Kaisers (Imperators).

Anders verlief die Entwicklung in Griechenland: Überlieferte Staatsform war die πόλις lis, der Stadtstaat, ursprünglich mit einem König an der Spitze. In Athen löste die Adelsherrschaft das Königtum ab und wurde schließlich durch die δημοκρατία dēmokratía ersetzt. Das Wort bedeutet nicht 'Volksherrschaft', sondern 'Herrschaft des δῆμος dêmos', der stimmberechtigten Bürgerschaft. Die freien Athener und Römer verbrachten einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit politischen Debatten, Abstimmungen und Wahlen. Sie hatten ja Sklaven, die für sie arbeiteten.

Wir haben heute ein anderes System. Bei uns entscheiden nicht die Wähler direkt, sondern die gewählten Vertreter. Die Wähler behalten aber die Kontrolle, indem sie sich bei der nächsten Wahl anders entscheiden können.

In einer Demokratie wird viel geredet. Entscheidungen dauern lange und am Ende sind doch nicht alle zufrieden. Aber es ist allemal besser gründlich nachzudenken als übereilt zu handeln. Das ist die Stärke der Demokratie.

   

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Echo Online

Begriffe: Staatsformen | Sprachecke 08.11.2011 | 15.09.2015

 

Datum: 29.01.2008

Aktuell: 11.12.2016