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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Anreden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Raabsmutter war keine "Rabenmutter", die ihre Kinder vernachlässigte, sondern eine alte Frau namens Raab aus dem Bekanntenkreis meiner Mutter. Sie war der einzige Mensch, den ich mit "Ihr" angeredet habe. Vor dem 2. Weltkrieg war das gegenüber alten Leuten und Respektspersonen üblich. Danach kam es aus der Mode und wurde durch "Sie" ersetzt.

"Ihr" ist die Mehrzahl von "du" und "Sie" der Plural von "er, sie". Die Mehrzahl drückt aus, dass der Angesprochene "mehr" ist als man selbst. "Ihr" war schon im Mittelalter gegenüber Höhergestellten üblich. Ihm entsprach, dass die Herrscher von sich den sogenannten Majestätsplural gebrauchten: "Wir, König Ludwig…" Der König war eben "mehr" als ein gewöhnlicher Untertan.

Auch in wissenschaftlichen Arbeiten steht oft "wir", wenn "ich" gemeint ist: "Wir kommen also zum Schluss, dass…" Hier will der Autor nicht seine Autorität betonen, sondern er versteckt sich hinter Fachkollegen, obwohl er zunächst nur seine persönliche Überzeugung kundtut. Das soll kein Ausdruck von Überheblichkeit sein, sondern von Bescheidenheit. Es wäre aber beeindruckender, wenn da stünde: "Das ist meine Meinung und ich stehe dazu."

Etwas Anderes ist der inklusive Plural in der Anrede beim Pflegepersonal: "Na, Frau Müller, wie geht's uns denn heute?" Die Schwester versucht durch diese Art zu reden, Nähe und Mitgefühl auszudrücken. Vielleicht lässt sich diese Zuwendung aber treffender mit dem herkömmlichen "Sie" signalisieren: Da wird man direkt angesprochen, kann sich ernst genommen fühlen und verschwimmt nicht in einem allgemeinen "Wir".

Eine noch unpersönlichere Anrede war "Er, Sie". Wir kennen das noch aus dem Volkslied "Herr Meister, leb Er wohl, Seine Arbeit, die gefällt mir nicht". Ursprünglich sagte man "Er, Sie" gegenüber denen, die ganz oben oder ganz unten auf der Leiter standen, gegenüber dem Staatsoberhaupt wie gegenüber den Dienstboten – ein Abstand, der so groß war, dass an Gemeinsamkeit nicht zu denken war.

Die eigentliche Anredeform ist seit alter Zeit "du". Wir gebrauchen es heute von Menschen, die uns besonders nahe stehen, in der Familie und unter Freunden. Wen wir duzen, den sprechen wir auch mit seinem Vornamen an.

Die normale Anrede unter Erwachsenen ist heute "Sie" mit "Herr, Frau" und Nachname. Dieses "Sie" ist die Mehrzahl des alten "Er, Sie", drückt aber keinen Rangunterschied aus, sondern nur eine geringere Vertrautheit unter Gleichgestellten.

Seit einigen Jahrzehnten gehen wir großzügiger mit dem "Du" um. Nicht alle mögen das. Ihren Wunsch nach Distanz sollten wir achten, drückt doch das "Sie" auch einen gewissen Respekt vor dem Anderen aus. "Du Esel" sagt sich leichter als "Sie Esel".

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 12.02.2008

Aktuell: 26.07.2016