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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Steuerparadies

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das hätte man sich ja denken können: Kein Paradies ohne Schlange und noch nicht mal die kleinste Oase ohne Steuerfahndung.

Im biblischen Garten Eden gab es keine Steuern. Und das bei traumhaften Wachstumsraten: eine üppig wuchernde Vegetation mit Früchten aller Art, die Zinsen wuchsen einem fast in den Mund. Wie im Schlaraffenland.

Das ist aber doch nur eine Sage, oder? Tatsächlich gab es einmal eine Zeit, da mussten die Menschen nicht arbeiten, sondern konnten sich von dem ernähren, was sie in der Natur fanden. Vor 9000 Jahren wurden unsre Vorfahren sesshaft und gingen dazu über, Lebensmittel zu produzieren. Sie betrachteten das nicht als Fortschritt, sondern als Strafe, und begannen die gute alte Zeit zu verklären, als man noch nicht im Schweiße seines Angesichts auf dem Feld arbeiten oder zu Hause Getreidekörner zerreiben musste.

Nach der Bibel lag das Paradies in Eden, das war das alte Armenien, wo die Flüsse Euphrat, Tigris, Aras und Kura entspringen, wo heute noch wilde Obstbäume wachsen und eine uralte Kultur zu Hause war. Die Assyrer nannten mit einem ähnlichen Namen ein Gebiet am mittleren Euphrat, Bit Adini. Den Garten Eden gab es also wirklich.

Wir reden aber lieber vom Paradies. Das Wort kommt aus dem Altiranischen. Pairidaeza war ein ummauertes Grundstück, ein Park oder Lustgarten. Dieses Wort hat im Armenischen als partez heute die Bedeutung 'Garten' angenommen.

Eden war also das Land und Paradies eine baumbestandene Landschaft.

Wir aber denken nicht an eine Gegend, sondern an ideale Verhältnisse, je nach Geschmack an Sicherheit vor der Steuerfahndung, unberührte Natur oder ein Leben im Überfluss.

Was man sich unter idealen Verhältnissen vorstellt, ist ja auch von den Lebensumständen abhängig. Wer hungert, kann sich nichts Schöneres denken als essen. Mit einem Wundertopf, der nie leer wird, hätte sich mancher schon zufrieden gegeben. Oder mit einem Tischlein-deck-dich. Weitergehende Phantasien sind im Märchen vom Schlaraffenland ausgesponnen mit essbaren Häusern und gebratenen Tauben, die einem direkt in den Mund fliegen. Ein Schlaraffe ist aber kein Schlemmer, sondern ein Faulenzer, eigentlich ein Schlaúr-affe, zu einem Wort für 'faul' und Affe. Durch Akzentverlagerung wurde daraus Schlaráffe.

In der Wüste ist man froh, wenn man Wasser und eine Hand voll Datteln hat. Beides findet man in einer Oase, die manchmal nur aus einem Wasserloch und ein paar Palmen besteht. Das Wort kommt von altägyptisch waḥet, griechisch óasis. Ein ähnliches Wort bedeutet 'Kochtopf'. Man hat also anscheinend das Wasserloch mit einem Kessel vergleichen. Wenn man in einem Topf sein Geld vergrub, war es vorm Finanzamt sicher, brachte aber auch keine Zinsen.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 04.03.2008

Aktuell: 26.07.2016