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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Stereotype

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Da hat ist, als man bisher angenommen hat. Ein anderer hat ein Fossil ausgegraben, das einer bisher unbekannten Tierart angehört. "Da werden mal wieder die Lehrbücher umgeschrieben werden müssen".
Obwohl wir immer wieder von solchen sensationellen Entdeckungen lesen, haben wir es kaum erlebt, dass die "Lehrbücher umgeschrieben" worden sind – weniger, weil die etablierte Wissenschaft so unbeweglich oder der Neudruck zu teuer wäre. Eher war diese Entdeckung doch nicht so bedeutend, wie der Forscher gehofft hatte.

Leicht sind wir dabei, solche stehenden Formulierungen zu gebrauchen, ohne darüber nachzudenken, ob sie auch wirklich zutreffen. Ist das Papier mit dem Hinweis auf das Alter des Heimatorts wirklich vergilbt? Oder ist es vielleicht eher altersgrau? Steht die historische Urkunde überhaupt auf Papier oder nicht etwa auf Pergament?

"Die Veranstaltung war ein voller Erfolg." Was bedeutet das tatsächlich? Hat die Kasse gestimmt? Gab es große Gewinne? Wurde die Rede mit Beifallsstürmen bedacht? War das Publikum mit der Musik zufrieden? Gab es Lorbeeren zu verteilen oder Medaillen zu gewinnen? Oder war der Veranstalter überrascht, dass überhaupt Leute kamen?

Manche solcher Formulierungen sind nicht nur gedankenlos, sondern auch sachlich falsch: "Wir laden am Donnerstag um 20 Uhr herzlich zu einer Vorstandssitzung ein". Wirklich? Meint das die Vorsitzende von Herzen? Freut sie sich, ihre Vorstandsmitglieder wieder zu sehen? Oder geht es nicht vielmehr um sachliche Fragen mit heißen Diskussionen, vor denen der Einladenden vielleicht sogar graut? Und weiter: Wurde die Einladung am Donnerstag um 20 Uhr verfasst? Oder soll die Sitzung an diesem Termin stattfinden? Dann müsste es heißen: "auf Donnerstag um 20 Uhr".

Die "herzliche Einladung" sind wir gewöhnt, wenn es um Feiern und ähnliche Ereignisse geht. "Wir laden herzlich ein" ist eine feste Redewendung, ein Stereotyp, das auch auf andere Zusammenhänge übertragen wird. Dieses Wort kommt aus der Sprache der Drucker aus der Zeit des Bleisatzes. Stereotypie nannte man den Druck mit starren (griechisch stereós), unveränderlichen Platten, nicht mit beweglichen Lettern oder "Typen".

Auch bei Briefen gebrauchen wir feste Formulierungen: "Sehr geehrte Frau … Mit freundlichen Grüßen …" Hier ist es eine Frage des guten Tons, die korrekte Anrede und den korrekten Gruß zu gebrauchen. Das erspart uns auch die Verlegenheit, schon im äußeren Rahmen des Briefes negative Gefühle anzudeuten. Auch ein Briefpartner, den wir verachten und am liebsten überhaupt nicht grüßen möchten, hat Anspruch auf ein Mindestmaß an Höflichkeit.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 11.03.2008

Aktuell: 26.07.2016