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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Guter Rat

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Kennen Sie das Gefühl, wenn man kein Gefühl in der Hand hat, den Geldbeutel zücken will und ihn nicht spürt? Am nächsten Tag stand ein Artikel im "Echo", wonach ähnliche Erscheinungen Vorzeichen eines Schlaganfalls sind. Also schnell zum Arzt! Der schickte mich ins Krankenhaus. Es war kein Schlaganfall, aber nicht weniger gefährlich. Danke, "Echo", für den guten Rat.

Mit einem guten Rat kann man anderen helfen. Aber "wem nicht zu raten ist, ist nicht zu helfen", sagt das Sprichwort. Ursprünglich verstand man unter Rat nicht nur eine hilfreiche Empfehlung, sondern auch Hilfsmittel wie Vorräte oder Hausrat. Mit hîwarêdis 'Heirat' meinten die Germanen nicht die Vermählung, sondern die Gründung eines Hausstandes (hîwa). Rat finden wir, wenn wir Fachleute fragen oder uns zusammensetzen, uns beraten und Beschlüsse fassen. Daher bezeichnet dieses Wort nicht nur eine Besprechung, sondern auch ein Gremium (Bundesrat), das Mitglied eines Gremiums (Stadtrat) und schließlich einen Beamten (Studienrat).

Raten tun wir auch, wenn wir eine Lösung suchen und Überlegungen anstellen. Zum Beispiel bei einem Rätsel. Oder wenn wir versuchen den Mörder im Krimi zu entlarven. Und es ist ganz gemein, wenn wir dem Leser einer solchen Geschichte vorzeitig verraten, wer das Verbrechen begangen hat. Diese Art von Raten steckt auch in englisch to read 'lesen'. Handschriftliche Texte müssen wir oft mühsam entziffern, weil der Schreiber dachte: "Ich habe schreiben gelernt, lernt ihr lesen."

Verraten ist ein schillerndes Wort. Wir verwenden es auch, wenn jemand der Polizei einen Hinweis gibt, wo die gesuchte Person steckt. Wenn dieser Mensch bisher ein Freund war, üben wir an ihm treulosen Verrat, so wie Judas die Treue zu Jesus gebrochen hat, als er die Tempelpolizei in den Garten Getsemani führte. So verstehen wir das Wort Verrat und so ist Landesverrat gemeint. Das ist das, was Spione tun, die die äußere Sicherheit gefährden, indem sie Staatsgeheimnisse weitergeben. Aber eigentlich ist Verrat etwas Anderes: ein schlechter Rat, der Menschen Schaden zufügt statt hilft. Diese Bedeutung steckt in dem Wort Hochverrat. Das ist ein Angriff auf die Souveränität (Hoheit) des Landes.

Das Wort Rat steckt auch in einigen Vornamen. Bei Konrad 'kühner Rat' kann man es noch erkennen. Nicht mehr ahnen können wir es bei Astrid (altdeutsch Astrada) 'Rat in Liebesdingen', Ingrid 'Rat des göttlichen Vorfahren', Sigrid (altenglisch Sigréd) 'Rat, der zum Sieg führt'. Dieses -rid ist eine Dialektform von germanisch rêdas und erinnert an englisch read. Das sehen wir daran, dass im 10. Jahrhundert ein und dieselbe Person deutsch Ingrad und norwegisch Ingred, Ingirid genannt wird.

   

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Echo Online

 

Datum: 18.03.2008

Aktuell: 26.07.2016