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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Lenz ist da

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Frühlingsanfang im Schnee, Ostern im Schnee, vor einer Stunde hat's wieder geschneit. Jetzt reicht's! Wo bleibt denn der Lenz? Kenner wissen schon längst, dass das Datum des Frühlingsanfangs nichts mit dem Wetter und der Vegetation zu tun hat. Es ist der Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht gleich lang sind und die Sonne am Äquator mittags im Zenit steht. Die Sonne steigt immer höher, dadurch wird es allmählich wärmer, die Pflanzen und Tiere erwachen aus ihrem Winterschlaf. Es gibt also außer dem astronomischen Frühlingsanfang (dieses Jahr am 20. März) auch einen meteorologischen (willkürlich auf den 1. März festgelegt) und einen in der Natur beobachteten (beim Einsetzen der Apfelblüte). Die hat noch etwas Zeit.

Nach dem Längerwerden der Tage hatten die Westgermanen diese Jahreszeit benannt: langtînaż, althochdeutsch lengizîn, lenzîn, daraus unser Lenz. Im 15. Jahrhundert kam das Wort Frühling auf, zweihundert Jahre später Frühjahr. In der Dichtung gilt der Mai als der Frühlingsmonat, in dem die Bäume wieder grün werden und die Blumen blühen. Das indogermanische Wort für diese Jahreszeit war vesr, erhalten in lateinisch ver, altnordisch vár, abgeleitet von einem Urzeitwort haues 'leuchten', das auch in Osten, Ostern (von aust-) und lateinisch aurora (von ausora) steckt: Der Frühling, in dem es wieder hell wird, ist der Morgen des Jahres.

Lenzen 'Wasser aus dem Schiff pumpen' muss man das ganze Jahr über. Das Wort kommt von niederländisch lens, das heute 'arm, kahl' bedeutet, früher auch 'leer'. Weitere Zusammenhänge sind unklar.

Dem Lenz werden Eigenschaften zugeschrieben, die diese Jahreszeit eigentlich nicht hat:

Der Frühling ist eine "gefährlich Zeit", weil da der Salat schießt und die Bäume ausschlagen. Hier werden schießen und ausschlagen wörtlich genommen, obwohl die beiden Wörter die übertragenen Bedeutungen 'schnell wachsen' und 'Blätter bekommen' haben.

"Faul" ist der Lenz, obwohl er doch vollauf damit beschäftigt ist, die Vegetation wieder in Gang zu bringen. Als faul galt in einer alten Redewendung nicht die Jahreszeit, sondern ein Mensch namens Lenz. Dieser Name ist eine Kurzform von lateinisch Laurentius. Die Redewendung beruht auf einem Wortspiel und bezieht sich auf faulenzen 'nichts tun'.

"Schön" ist der Lenz, obwohl die anderen Jahreszeiten ja auch ihre Reize haben. Wenn jemand nicht allzu viel Wert darauf legt, sich nützlich zu machen, sagen wir: "Er macht sich einen schönen Lenz", ursprünglich "er macht den faulen Lenz", er verhält sich wie ein Faulenzer. Das hat man später nicht mehr verstanden und reimte sich zurecht, dass jemand das herrliche Frühlingswetter genießt, das wir uns ja so sehnlich wünschen.

   

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Echo Online

 

Datum: 01.04.2008

Aktuell: 26.03.2016