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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Im Falle eines Falles

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Man soll die Feste feiern, wie sie fallen" und die Gelegenheit zum Feiern nutzen. Dazu bieten sich vielerlei Möglichkeiten, aber wir werden es nie erleben, dass "Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen."

Warum sagen wir in diesem Zusammenhang fallen? Feste liegen doch an festen Terminen und was befestigt ist, kann nicht hinfallen, sondern steht fest und ist beständig, manchmal über Jahrhunderte. Eine Feier kann aber auch ausfallen 'nicht stattfinden', bildhaft anschaulich "flach fallen" (von der Senkrechten in die Waagrechte) oder "ins Wasser fallen", nicht nur bei Hochwasser.

Was fällt, bewegt sich von oben nach unten und liegt am Ende da. Fallen kann sowohl die Bewegung bezeichnen (wie bei den Aktienkursen) als auch das Ergebnis 'zu liegen kommen', wie beim Würfel, der schließlich auf dem Tisch liegt und eine bestimmte Zahl zeigt. Es gibt sechs Möglichkeiten, wie er fallen kann. Durch seinen Fall verwirklicht er eine von ihnen. Sechs oder Eins sind Ergebnisse, "Fälle" beim Würfelspiel. Bei den Feiertagen kann man sich vorstellen, wie Steinchen auf einen Kalender geworfen werden und auf diesen oder jenen Termin "fallen", liegenbleiben oder weiterrollen und "hinausfallen". Natürlich folgt der Kalender Regeln und nicht dem Zufall wie beim Würfeln.

Fall kann auch 'Ereignis' bedeuten, wie bei Zufall 'nicht ursächliches Zusammentreffen von Ereignissen'. Oder bei Unfall, verkürzt aus Unglücksfall.

Manchmal irren wir uns, dann ist das "ein typischer Fall von Denkste", ein Beispiel von Fehleinschätzung. 'Beispiel' könnte man auch für medizinische und juristische Fälle sagen. Der Patient muss nicht gestürzt und der Klient nicht moralisch zu Fall gekommen sein. Vielmehr handelt es sich um besondere Erscheinungsformen von Krankheiten oder rechtlichen Tatbeständen.

Wenn dagegen der Kranke einen Asthmaanfall oder der Angeklagte einen Wutanfall hat, kommt plötzlich Atemnot oder aggressive Erregung über sie. Sie werden davon angefallen wie von einem bösen Tier. Anfall bezeichnete in der alten Sprache auch einen 'Angriff, Überfall'. So ist auch Epilepsie gemeint, das bedeutet wörtlich nicht 'Fallsucht', sondern 'Angriff, Anfall'.

Fälle (lateinisch casus mit langem A, die Mehrzahl hat ein langes U) kennen wir auch aus der Grammatik: Das sind die verschiedenen Möglichkeiten, wie man ein Hauptwort in einen Satz einbauen und mit anderen Wörtern verbinden kann: Im Satz: "Sie wirft den Ball" kennzeichnet der Nominativ das Subjekt ("sie"), der Akkusativ das Objekt ("den Ball"). Der Begriff stammt aus der griechischen Grammatik (πτῶσις ptôsis) und bezeichnete allgemein die unterschiedlichen grammatischen Formen der Wörter, also Fall / Fälle, fallen / fiel.

 

 

 

 

 

 

 

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Echo Online

Sprachecke 04.02.2014 |  18.11.2014

 

Datum: 08.04.2008

Aktuell: 01.12.2016