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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Geist im Glas

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Märchen erzählt: Ein Student findet im Wald eine Flasche. Beim Öffnen entweicht ein Dämon, der sich den "großen Mercurius" nennt und seinen Befreier töten will. Es gelingt dem jungen Mann, den Geist wieder einzusperren. Der verspricht ihm, er wolle ihn reich machen, wenn er ihm noch einmal die Freiheit schenke. Der Jüngling bekommt einen Lappen, mit dem er Wunden heilen und Metall in Silber verwandeln kann, und wird ein großer Arzt.

Mercurius war der alchimistische Name des giftigen Quecksilbers, mit dem man Gold zu machen hoffte und das man auch als Heilmittel einsetzte. Heute denken wir eher an Alkohol, der Menschen ruinieren kann, aber in Technik und Medizin gute Dienste leistet.

Warum im Märchen von einem Geist die Rede ist, leuchtet uns beim Alkohol ein, nennen wir ihn doch auch Weingeist oder Spiritus und sprechen von geistigen Getränken oder Spirituosen, nach dem lateinischen Wort für 'Geist'. Denn Alkohol verdunstet leicht und verwandelt sich in ein unsichtbares Gas. Ähnlich hat man sich Geist vorgestellt, eine "feinstoffliche Substanz", die normalerweise unsichtbar ist, aber wie Wasserdampf sichtbar werden und Gestalt annehmen kann wie der Geist im Glas.

Gasartig hat man sich schon im Altertum Geist gedacht: lateinisch spiritus, griechisch πνεῦμα pneûma bedeutet 'Hauch, Atem, Luftbewegung'. Entsprechend hat man im Althochdeutschen das lateinische Wort nicht nur mit geist, sondern auch mit âtum übersetzt. Atem ist das, was den Menschen am Leben erhält und was ihm fehlt, wenn er tot ist. Hier geht es nicht um ein Gas und seine physischen Eigenschaften. Der Atem ist nur ein sinnfälliges Bild für das Leben.

Wer Geister sieht oder hört, hat Halluzinationen, Wahrnehmungen, die er nicht mit anderen teilt. Geist ist auch ein anderes Wort für 'Verstand, Scharfsinn und Witz' (französisch ésprit). Er entsteht zweifellos in unserm Nervensystem, besonders in unserm Gehirn. Die Griechen nannten diese Art von Geist νοῦς noûs, die Lateiner mens. Die germanische Entsprechung steckt in englisch mind.

Unser Wort Geist fasst das alles in einem Begriff zusammen. Was es ursprünglich bedeutete, erkennen wir an hessisch vergeistert 'erschreckt, verängstigt' und altenglisch gǽstan 'in Schrecken versetzen'. Der Geist aus der Flasche kann Entgeisterte 'der Lebenskraft Beraubte' wieder begeistern 'mit neuem Mut erfüllen'. Letztlich aber tötet er den Geist im Hirn – wie im Märchen.

Was wir Geist nennen, ist kein Thema der Physik und Chemie, sondern der Informatik. Die beschäftigt sich mit dem, was ein "Elektronengehirn" tut. Das Wesen des Geistes ist Information. Die steckt im kleinsten Atom, in unserm Kopf, im Computer, im Weltganzen und in Gott, dessen Wesen Geist ist.

 

Text

Märchen erklärt

 

 

 

Leserfrage

Bei dem "Geist im Glas" ist mir das englische genie 'Flaschengeist' in den Sinn gekommen. Dem entspricht génie auf Französisch und im Lateinischen genius, arabisch جن ğinn. Dazu gehört auch das deutsche Genie. Hängt damit auch zusammen: sich genieren?

 

Meine Antwort

Das Motiv des Flaschengeistes stammt aus dem Orient. Da findet jemand einen eingesperrten ğinn, mit dem es ihm ähnlich geht wie bei Grimm (Aladin, Sindbad, Fischer und Dämon). Ğinn stammt von lateinisch genius. Dieses gehört zu gignĕre 'erzeugen, hervorbringen', genus 'Gesamtheit aller Nachkommen'. Genius soll ursprünglich die personifizierte Zeugungskraft gewesen sein.

Aus ingenium 'Scharfsinn, Erfindung, Maschine' wurde Ingenieur und engl. engine.

Genieren gehört nicht dazu. Franz. gêner geht über 'Folter' zurück auf altfranzösisch gehine 'ein durch Folter erlangtes Geständnis' zu gehir, jehir 'bekennen', althochdeutsch jehan.

 

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Übersicht

 

Echo Online | Begriffe: Psychologie

Was ist Geist? | Etymologie Geist | Sprachecke   | 16.08.2011

 

Datum: 15.04.2008

Aktuell: 28.11.2016