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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kompliziert

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Wie war's in Köln doch ehedem…" nicht mit Heinzelmännchen, sondern mit dem alten Telefon "so bequem". Man drehte die Wählscheibe, nahm den Hörer ab, redete und hörte und legte wieder auf. Und bezahlte jeden Monat die Rechnung der Post. Die Rechnung war leicht zu verstehen und der Apparat unverwüstlich. Er konnte jahrzehntelang halten.

Heute ist alles anders. Es gibt eine Fülle von Anbietern und Tarifen, so dass man kaum noch einen Überblick hat. Es gibt auch eine Fülle von Modellen und ständig kommen neue dazu, sie bieten immer mehr Funktionen, sind aber auch immer schwieriger zu bedienen. Warum muss denn das Leben so kompliziert sein?

Früher war das anders. Das können wir auch an dem Wort kompliziert erkennen. Das kam nämlich als Fremdwort erst Ende des 18. Jahrhunderts auf. Das Gegenwort einfach ist deutsch und trat im 16. Jahrhundert an die Stelle des schon altgermanischen einfalt, einfältig. Kompliziert ist eine Weiterbildung aus lateinisch complicare 'zusammenfalten', complicatus  'zusammengefaltet'. Man denkt da an ein Stück Stoff, das man sich als Umhang über die Schultern legen konnte. Die teureren und wärmeren Modelle waren zusammengefaltet und bestanden aus mehreren Lagen. Das Wort bekam schon im Altertum die Bedeutung 'unklar, verworren' (von einem Text, der schwer zu verstehen ist). Verwickelt ist eine gute deutsche Übersetzung, aber kein original deutscher Begriff. Verworren und verwickelt sind eigentlich Schnüre, die offen herumliegen und sich leicht verheddern, so dass man sie kaum auseinanderbekommt. So in sich verschlungen kann auch ein Gedankengang sein, der sich nicht nachvollziehen lässt.

Das kürzere komplex kommt von lateinisch complex 'umfassend' und bedeutet als Gegenwort zu simplex 'einfach' auch 'vielschichtig, zusammengesetzt'.

Kompliziert  ist aber etwas anderes. Das ist etwas, was aus vielen Teilen zusammengesetzt ist, aber nicht so wie eine Mauer, die aus vielen Steinen besteht, sondern wie bei einem Organismus, bei dem ein Teil vom anderen abhängig ist.

Einfach kann bedeuten 'nur einmal vorhanden' und 'nicht zusammengesetzt', daher 'nicht schwer zu verstehen' und 'leicht zu tun'. Das ältere einfältig hatte schon früh die Bedeutung 'ohne Hintergedanken, aufrichtig; schlicht' angenommen, dann auch 'unfähig, vielschichtige Zusammenhänge zu begreifen' und schließlich 'naiv, primitiv, unerfahren'. Diese Abwertung dürfte das unbelastete einfach  begünstigt haben.

Unsre Welt ist kompliziert geworden und wird immer komplizierter und wir müssen uns damit abfinden. Das ist eine Folge des Wachstums. Unser Gehirn ist im Laufe unsres Lebens ja auch immer komplexer geworden. Wir sind nicht mehr so "einfältig" wie kleine Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 29.04.2008

Aktuell: 26.07.2016