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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Leihohren, Wurfaugen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Kannst du mir mal dein Ohr leihen?", fragte mich jemand. "Tut mir Leid, ich brauche meine Ohren selbst. Aber wo kann ich welche leihen, leasen oder kaufen? Ich bin schwerhörig und könnte neue Ohren gut gebrauchen." Aber die Redensart ist ja anders gemeint. Sein Ohr leihen ist dasselbe wie seine Aufmerksamkeit schenken, also zuhören und sich nicht ablenken lassen.

Unsre Ohren sind auffallend unbeweglich. Der Schall erreicht uns ja von allen Seiten. Die Lichtstrahlen kommen gradlinig zu uns. Wenn wir etwas sehen wollen, drehen wir den Kopf und bewegen unsre Augen.

   

   

Deshalb spielen die Augen in der Mimik eine große Rolle. Kinderaugen leuchten vor Freude. Ein Betrunkener hat einen glasigen Blick. Wir erkennen, ob jemand Schlafzimmeraugen [1] macht, vor Müdigkeit kaum die Augen aufhalten kann oder vor Entsetzen die Augen weit aufreißt. Wir können an den Augen echtes und falsches Lächeln unterscheiden, bei dem man nur den Mund verzieht und die Zähne fletscht.

Der Unterschied zwischen unbeweglichen Ohren und beweglichen Augen ist tief in unsern sprachlichen Bildern verankert. Es kommt uns vor, als würden unsre Augen nicht etwas aufnehmen, sondern von sich geben. Wir werfen einen Blick oder sogar ein Auge auf das, was uns interessiert. Wir machen Stielaugen wie die Schnecke, wenn wir etwas haben wollen. Manchmal gucken wir gedankenverloren Löcher in die Luft und können mit unsren Blicken jemand durchbohren und damit einschüchtern. Viele Menschen fürchten den bösen Blick. Ein Glück, dass Blicke nicht töten können! Was wir da von uns geben, sind keine Laserstrahlen, sondern mimische Signale: Verengte Pupillen und unbewegte Augen kennzeichnen den stechenden Blick. Ein freundlicher Blick ist mit einem leichten Lächeln und Heben der Brauen verbunden.

Wenn wir etwas nicht sehen wollen, verschließen wir davor die Augen mit den Lidern. Oder wir wenden uns ab und sehen weg. Manchmal übersehen wir etwas Wichtiges, besonders wenn uns die Übersicht fehlt. Obwohl das anatomisch nicht möglich ist, verschließen wir unsre Ohren vor dem, was wir nicht hören wollen, stellen uns taub gegenüber Bitten und überhören anzügliche Bemerkungen.

In unserm Zusammenleben spielen Hören und Sehen eine große Rolle. Was wir bei anderen sehen und über sie zu hören bekommen, bestimmt ihr Ansehen und ihren Ruf. Untergebene müssen gehorchen und nicht nur die Anweisungen hören, sondern auch befolgen. Mein Computer ist mein Eigentum und das Zubehör auch. Sie gehören mir, aber der Rechner gehorcht mir nicht immer. Eine Behörde ist eine Dienststelle mit Aufgaben, die zu ihr gehören. Sie führt Aufsicht und nimmt Einblick in Akten: Sehen und Hören, so weit wir blicken.

  [1] 'halb geschlossene Augen', mit denen man jemand lüstern betrachtet oder die man vor Müdigkeit kaum aufhalten kann'; auch 'Klappscheinwerfer am Auto.
 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 13.05.2008

Aktuell: 26.07.2016