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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Dachs und Bilch

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich's Wetter oder bleibt, wie es ist." Mit dieser Wetterregel kommen wir immer und überall zurecht. Und wenn er nicht kräht, zumal es ihm ja oft gerichtlich untersagt wurde? Dann darf das Wetter machen, was es will. Wie im April.

Am Verhalten von Lebewesen kann man manchmal erkennen, wie das Wetter in der nächsten Zeit wird. Zum Beispiel beim Dachs: "Wenn er an Lichtmess (2. Februar) seinen Schatten sieht, muss er noch einmal vier Wochen in den Bau." Dieses Tier ist zwar kein Winterschläfer, aber wenn es ihm zu kalt wird, zieht es sich in seinen Bau zurück und hält Winterruhe. Die Wetterregel ist kompliziert: Es muss im Januar so warm gewesen sein, dass der Dachs keine Winterruhe hielt. An Lichtmess muss die Sonne scheinen, damit er seinen Schatten sehen kann. Wenn das der Fall ist, kündigt sich ein stabiles Hoch an, bei dem sich die Luft nachts mehr abkühlt, als die Sonne sie am Tag wieder aufheizen kann. Es wird kalt und der Dachs muss wieder in den Bau.

Ähnlich scheint es bei der wichtigsten Regel für das Sommerwetter zu sein: "Wenn es an Siebenschläfer regnet, regnet es sieben Wochen."

Der Bilch ist ein mausähnliches Nagetier, das einen sprichwörtlich langen Winterschlaf hält. Darum heißt er auch Siebenschläfer. Der Name kommt von einer Legende: Sieben junge Männer flüchteten bei einer Christenverfolgung in eine Höhle und wurden dort eingemauert. Sie schliefen ein und erwachten Jahrhunderte später, als die Höhle zufällig geöffnet wurde. Nach diesen "sieben Schläfern" hat man im 17. Jahrhundert den Bilch benannt. Nicht, weil er sieben Monate schläft oder weil die Sieben eine symbolische Zahl ist, sondern weil er wie die sieben Jünglinge ein Langschläfer ist.

Was ist der Bilch für ein Knilch? Nach heutigem zoologischem Sprachgebrauch bezeichnet dieser Name keine bestimmte Tierart, sondern eine Familie, zu der außer dem Siebenschläfer auch die Haselmaus gehört. Früher gab man ähnlichen Tieren oft denselben Namen: Haselmaus (Nagetier), Spitzmaus (Insektenfresser) und Fledermaus (Fledertier) kennzeichnete man als mausähnliche Tiere, nicht verwandt, nur ähnlich.

Die Römer haben den Bilch gern gegessen, die Slawen dagegen schätzten ihn wegen seines Pelzes. Die Polen nennen ihn pilch, das bedeutet ebenfalls 'ein mausähnliches Tier' (zu litauisch pelė̃ 'Maus'). Von den Slawen haben wir diesen Namen übernommen.

Der Bilch ist ganz unschuldig an einem verregneten Sommer. Der bahnt sich an am Gedenktag an die eingemauerten Christen, dem 27. Juni. Man muss das mit diesem Tag nicht so genau nehmen, aber ob es einen verregneten Sommer gibt, entscheidet sich nach der Großwetterlage bald nach Sommeranfang.

   

 

 


Leserbrief:

Meines Wissens gehören der Dachs und die Dechsel 'Queraxt' zur selben Wurzel, von der auch die griechische τέχνη tékʰnē und damit unser deutsches Wort Technik abgeleitet ist.

 

Meine Antwort:
Mit Ihrer Erklärung des Tiernamens Dachs stimmen Sie durchaus mit allem überein, was ich darüber gelesen habe. Nur: Als technisches Meisterwerk kann man die Dachshöhe sicher nicht bezeichnen. Man sucht sich eine geeignete Stelle, buddelt ein Loch und wohnt darin. Eher zutreffen würde die Bedeutung 'Zimmermann, Techniker' für den Biber und für viele Vögel.
Nach den Lautgesetzen ist sicher nichts gegen die geläufige Deutung einzuwenden. Aber deshalb muss sie nicht richtig sein.
Ich habe eine andere Idee: Ich stelle den Dachs zu altpreußisch dock 'Iltis' und englisch dog, altenglisch docga 'Hund'. Das geht aber weit hinter das Indogermanische zurück.

 

Leserbrief:

Erlauben Sie mir aber den Versuch einer kleinen Ehrenrettung des Dachses:
"Nur: Als technisches Meisterwerk kann man die Dachshöhe sicher nicht bezeichnen. Man sucht sich eine geeignete Stelle, buddelt ein Loch und wohnt darin. Eher zutreffen würde die Bedeutung 'Zimmermann, Techniker'
für den Biber und für viele Vögel.
" So haben Sie geschrieben.
Auf http://inatura.at/besuch/gem_9531.shtm aber habe ich das Folgende gelesen: "Die Höhlen werden über Generationen verwendet und ausgebaut - es gibt  Bauten mit über 1.000 m Länge und bis zu einem sensationellen Alter von 12.000 Jahren!" Wäre doch beruhigend, wenn die Atom-Endlager-Bauer ähnliche technische Fähigkeiten hätten.
 

Meine Antwort:
Ich wollte in meinem Artikel ja nicht dem Dachs die Fähigkeit absprechen, stabile Höhlen zu bauen. Vielmehr ging es mir um die Erklärung, dass der Dachs seinem Namen nach eine Art 'Zimmermann' sei. Der Biber ist ein "Zimmermann", weil er Bäume fällt und Holz aufeinanderstapelt, um Staudämme zu bauen. Die Vögel sind "Zimmerleute", weil sie aus Einzelteilen kunstvolle Nester bauen.
Dass die Dachshöhlen so stabil sind, liegt aber doch wohl weniger am handwerklichen Geschick dieser Tiere, sondern eher an der Natur des Höhlenbaus: Es ist eine simple Statik, die zugrundeliegt, dass gewölbte Flächen stabiler sind als man denkt. Denken Sie an das Hühnerei, das trotz dünner Schale relativ stabil ist. Oder an die menschliche Bautechnik der Gewölbe und Kuppeln. Gänge mit viereckigem Durchschnitt und geraden Wänden und Decken, wie wir das vielleicht machen würden, kann ein grabendes Tier nicht herstellen und es wäre ihm auch nicht zu empfehlen. Sogar wir rationalen Menschen bauen unsre Tunnels nicht als Kästen, sondern als Röhren. Obwohl wir doch auch anders könnten.
Viel ist aus dem verlinkten Artikel über die Ausstellung ja nicht zu erfahren. Jetzt bin ich aber doch neugierig geworden und habe bei Wikipedia nachgelesen: Da stehen unter "Verhalten" noch viele erstaunliche Details über Größe und Konstruktion dieser Höhlen. Da ist es ja mit einfachem Lochbuddeln nicht getan, da muss ich doch meine Meinung revidieren. Selbst wenn die Baukunst angeboren sein sollte, gehört doch ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen dazu: Ich könnte zwar notfalls auch einen Gang graben und am Ende eine Wohnhöhle anlegen. Aber weitere Gänge von innen anlegen, die nach außen führen und nicht bloß endlos unter der Erdoberfläche weitergehen? Oder von außen anfangen und die Höhle treffen? Da müsste man wohl Tunnelbau studiert haben.
Trotzdem: Der Dachs mag vielleicht ein guter Tiefbauingenieur sein – zum Zimmermann wird er deswegen nicht. Und darum ging mir's.

 

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Echo Online

 

Datum: 24.06.2008

Aktuell: 26.03.2016