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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Platzhalter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Statthalter früherer Zeiten war ein Gouverneur, der im Auftrag des Staatsoberhauptes eine Provinz verwaltete. Der Kaiser konnte nicht überall sein, also schickte er Beamte, die dort vor Ort seinen Platz einnahmen, an seiner Statt regierten und seine Stelle vertraten.

Platzhalter beim Computer sind etwas Ähnliches: Sie stehen an Stelle eines beliebigen Zeichens oder einer Zeichenfolge. Das ist praktisch, wenn wir etwas suchen oder ersetzen wollen. Wer nicht weiß, wie ein bestimmter Familienname geschrieben wird, nimmt das Fragezeichen als Platzhalter, sucht nach M??er und findet Maier, Mayer, Meier, Mayer, aber auch Maler und Moser, aber nicht den bayrischen Mair.

Eine feine Sache also. Diese Möglichkeit haben wir erst durch den Elektronenrechner, aber das Prinzip ist alt, wie wir am Beispiel des Statthalters gesehen haben. In der gesprochenen Sprache benutzen wir Platzhalter ja schon lange. Was sagen wir, wenn uns das richtige Wort nicht gleich einfällt? Die elegantere Lösung ist, das Gemeinte zu umschreiben: "In unserem Garten war ein … - wie heißt das noch mal, ein Raubtier so groß wie eine Katze? Ach so, ein Marder…" Viel häufiger machen wir uns diese Mühe nicht, sondern gebrauchen das Platzhalter-Wort Dings, erweitert Dingsbums für eine Sache, Dingsda für einen Namen. Das ‑s am Ende ist kein Zeichen des Genitivs ("des Dinges"), sondern eine Erweiterung, die ausdrückt, dass wir nicht "das Ding" meinen.[1]  Ähnlich müssen wir bei manchen Anwendungen im Computer vor das Platzhalterzeichen einen Zirkumflex setzen: ^# beispielsweise sucht eine Ziffer, nicht das Zeichen #.

Platzhalter für ein Nomen ist also Dings. Auch für Verben gibt es Platzhalter, nämlich machen. Dieses Wort benutzen wir nicht nur im eigentlichen Sinn von 'herstellen' und an Stelle von 'tun'. Beispiele: "Die Firma macht Möbel" (stellt sie her)." – "Was hast du denn die ganze Zeit gemacht (getan)?". Sondern auch mit Ergänzungen: "die Betten machen" (das Bettzeug ordnen) – "das Fenster zumachen" (schließen)".

Und schließlich als Gipfel der Gedankenlosigkeit: "Tu mal Dings machen!" Diese alles und nichts sagende Aufforderung ist der Bauplan für einen Befehlssatz: Prädikat 1: Hilfsverb "tu" im Imperativ – Adverb "mal" – Objekt oder Prädikatsnomen "Dings" – Prädikat 2 "machen" im Infinitiv.

"Tun" ist kein Platzhalter, sondern ein Hilfsverb, um ein zweiteiliges Prädikat zu bekommen ("tu Dings machen" wie "hat Dings gemacht"). "Mal" stellt klar, dass es sich um einen Befehl handelt, der nicht irgendwann einmal, sondern "sofort" auszuführen ist, ohne Diskussion. Schade, dass er so unklar formuliert ist. Der Dingsda täte das Dings ja sofort machen, wenn er wissen täte, was er machen soll.

  [1] Fragen: Adverbien mit -dings

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Echo Online

 

Datum: 15.07.2008

Aktuell: 26.03.2016