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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wieder daheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schön ist es, nach einer Reise wieder nach Hause zu kommen in die vertrauten vier Wände, Koffer auspacken, Wäsche waschen, Leserfragen beantworten und eine neue Sprachecke schreiben. Daheim ist daheim.

Daheim ist abgeleitet von Heim, einem altgermanischen Wort mit der allgemeinen Bedeutung 'Wohnsitz', im Gotischen und in vielen Ortsnamen auch 'Dorf' – aus Einzelgehöften haben sich im Laufe der Zeit Dörfer (Klein-Rohrheim) und Städte entwickelt (Gernsheim). Ein Heim im eigentlichen Sinne ist aber das Wohnhaus, daher ist daheim dasselbe wie zu Hause. Die Entsprechung von nach Hause ist ein Adverb: heim aus althochdeutsch heimo.

Eine Abstraktbildung von Heim ist Heimat mit derselben Endung wie Monat (ursprünglich schrieb man Mond ohne -d), also 'wo man daheim ist'. Wo aber ist "daheim" und was ist "Heimat"?

Daheim ist, wo mein Bett steht (griechisch κοιμᾶν koimân 'schlafen legen'). Bei unsrer Reise stand es im jeweiligen Hotel. Wir sprachen öfters davon, dass wir "jetzt heimgehen", in unsre Unterkunft, nicht in unsre Wohnung in Bensheim.

Und wo ist meine Heimat? Nicht da, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Dort habe ich noch nicht mal ein Drittel meines Lebens gewohnt. Ich bin, bedingt durch Studium und Beruf, elfmal umgezogen und musste unser letztes Heim verlassen, als ich in Rente ging. Bisher konnte ich sagen: Meine Heimat ist, wo meine Familie ist. Aber die Kinder sind alle ausgezogen und wohnen weit verstreut. Sie kommen zwar gern "nach Hause", d.h. zu ihren Eltern, aber ein "Elternhaus" haben sie nicht mehr.

Eine Heimatvertriebene aus Warschau erzählte mir, sie habe wieder die Möglichkeit, ihren Heimatort zu besuchen. Das wollte sie aber nicht, denn: "Heimat, das sind nicht die Häuser, sondern die Menschen." Zwei indogermanische Verwandte von Heim bestätigen diese Weisheit: altirisch cóim 'lieb, teuer', russisch семья sem'já 'Familie' (ħaima, koimós, coimiıá).

Ich kannte eine alte Frau, die seit ihrer Hochzeit ihr Dorf nicht mehr verlassen hatte. Das ist selten geworden in unsrer Zeit. Viele leben nicht mehr da, wo sie aufgewachsen sind. Nicht nur die Heimatvertriebenen sind heimatlos geworden. Die Beziehung zum alten Wohnort geht nach wenigen Jahren verloren, wenn man sich in einem neuen Umfeld eingelebt hat.

Und wie ist es mit dem Recht auf Heimat? Ich meine, jeder Mensch hat das Recht da zu sein, wo er sich gerade aufhält. Einheimische aus ihrer Heimat zu vertreiben ist genauso unmenschlich wie Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschicken. Was dabei herauskommt, wenn ein Staat historische Ansprüche auf fremde Gebiete erhebt, haben wir immer wieder leidvoll erfahren. Es gibt nur das Recht zu sein, wo wir uns befinden. Alles andere schafft neues Unrecht.

   

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Echo Online

 

Datum: 05.08.2008

Aktuell: 26.07.2016