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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Früchtchen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Da liefen doch ein paar "Früchtchen" aus den Nachbarhäusern in unsrer Anlage herum und bewarfen sich mit unsern Äpfeln – nicht nur mit den heruntergefallenen, angefressenen und angefaulten, sondern auch mit den guten, die sie vom Baum heruntergerissen hatten.

Wenn man den Nachschlagewerken glaubt, hat man vor hundert Jahren auch im Theater mit Äpfeln geschmissen, und zwar nicht mit guten, sondern mit faulen. Aus Empörung, wenn das Stück nicht gefiel. Ich bitte Sie: Das waren doch gesittete, erwachsene Menschen und keine Lausbuben wie die in unsrer Anlage. Die Flegel, denen man ein solches Verhalten zutrauen könnte, hatten fürs Theater weder Geld noch Interesse. Sie machten lieber selber "Theater".

Woher kommt aber sonst der Ausdruck veräppeln 'veralbern'? Das Wort ist in diesem Sinn nicht älter als hundertzwanzig Jahre.

Im Südhessischen bedeutet veräppeln 'mit Schneebällen bewerfen, ohrfeigen, schlagen'. Eine Schneeballschlacht, nur mit Äpfeln, die hatte ich ja vor unserm Haus beobachtet. Sollten sich die Kinder vor hundert oder zweihundert Jahren anders verhalten haben?

Die Form mit ‑pp- ist Mundart vom Neckar bis zur Waterkant. In der Bedeutung 'veralbern' scheint veräppeln aber nicht hessisch, sondern plattdeutsch zu sein. In Hamburg gab es 1755 den Ausdruck Appeldwaljes 'alberner Tölpel', in der Lüneburger Heide um 1950 appeltwattsch 'albern, dumm'. Dwal 'verrückt' entspricht hochdeutsch toll, twattsch 'dumm' hängt wohl mit hessisch zwatzeln 'ungeduldig zappeln' zusammen. Wieso sind Äpfel albern? Die beiden Ausdrücke wären verständlich, wenn sie nicht nach den Früchten benannt wären, sondern nach den Affen, plattdeutsch Apen. Die Affen gelten ja als närrische, alberne Tiere. Ein plattdeutsches veräpeln müsste hochdeutsch veräffeln lauten, 'wie einen Affen behandeln'. Es wurde fälschlich auf den Apfel bezogen.

Das hessische veräppeln 'bewerfen' hat also nichts mit dem plattdeutschen Wort zu tun. Und die Bedeutung 'ohrfeigen' weder mit dem einen noch mit dem anderen.

Hessisch Äppel nannte man die Früchte sowie die 'Schläge'. Eine "Frucht" ist auch die Ohrfeige, holländisch oorvijg, früher muilpeer 'Maulbirne'. Die Ohrfeige scheint ein hessisches "Früchtchen" zu sein (erstmals um 1480 in einem hessischen  Weihnachtsspiel). Aus Balkhausen ist die Redensart bezeugt "jemand ein paar Feigen geben, die hinter den Ohren wachsen". Gemeint ist also nicht der Schlag selbst, sondern die Beule, die dadurch entsteht. Die Äppel, die man in unsrer Gegend für Äpfelschmeißen und Schlimmeres bekam, sind wohl ähnlich zu verstehen: Die "Früchtchen" hatten hinterher schmerzhafte "Äpfel", "Birnen" oder "Feigen", Schwellungen hinter den Ohren oder im Gesicht.

   
   
Nachtrag: Dachtel 'Ohrfeige', eigentlich 'Dattel'
   

 

 


Leserbrief zum Stichwort twattsch:
Meine Verwandten aus Estland nannten einen 'Spinner' so.  Allerdings schrieb man "dwatsch".


Meine Antwort:

Das Wort appeltwattsch fand ich in dieser Schreibung in einem Plattdeutschwörterbuch von Franz Wrede (Südheide).

  • Das einfache twattsch bedeutet dort 'benommen, unpässlich; querköpfig, übel gelaunt, albern, unsinnig'. Wörter mit dw- gibt es in diesem Wörterbuch nicht.

  • Im Hamburger Idioticon von 1755 steht dagegen dwatzig, dwatsch 'dumm, unvernünftig, der nichts begreifen kann'.

  • Die Mennoniten in Osteuropa und Amerika sagen dwautsch 'unausgeglichen'. Sie kennen auch aupledwautsch, das als 'grantig' (a crispy, sour attitude) erklärt wird

  • Karl Müllenhoff notierte 1854 (wohl für Schleswig Holstein) dwattsch, dwartsch 'verschroben'.

Eigentlich neigt man ja dazu, dwatsch mit hochdeutsch Quatsch 'Unsinn' in Verbindung zu bringen, so wie dwars hochdeutschem Zwerch(fell) und quer entspricht. Quatsch hat aber damit nichts zu tun, es kommt von einem Schallwort ähnlich wie klatsch, davon abgeleitet ist quatschen 'klatschende Geräusche machen, dummes Zeug labern' und daraus Quatsch 'Schlamm; Unsinn'.

Eher scheint mir dwatsch aus dwalsch, dwal 'dumm, albern' entstanden zu sein. Die hochdeutsche Entsprechung ist toll. Müllenhoffs dwartsch und die Lüneburger Bedeutung 'querköpfig' zeigen, dass man versucht hat, das Wort mit dwars zu erklären.

 

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Echo Online

 

Datum: 09.09.2008

Aktuell: 26.07.2016