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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Apfel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Dem Schneewittchen blieb der Bissen im Hals stecken. Dem Adam ebenfalls. Seine Nachkommen laufen heute noch mit einem Adamsapfel herum, ein volkstümlicher Name des vergrößerten männlichen Kehlkopfs.

Dass die verbotene Frucht im Paradies ein Apfel gewesen sei, geht aus der Bibel nicht hervor, dort werden Äpfel kaum erwähnt. Es ist aber eine uralte Vorstellung, dass am Rand der Welt ein Baum mit goldenen Äpfeln steht, die von Fabelwesen bewacht werden. Sie verleihen ewige Jugend und Gesundheit. Herkules beschaffte einen unter Lebensgefahr. Ein Märchenheld musste sie holen, um dem König das Leben zu retten. Das keltische Paradies heißt in der Sage von König Artus geradezu Avalon 'Apfelinsel'.

Avalon kommt von keltisch abállos, dem altslawisch яблъко jablŭko, litauisch obuolỹs, germanisch aplus, deutsch Apfel entsprechen. Den Apfelbaum gab es im nördlichen Europa schon immer. Er wurde nicht, wie viele andere, von den Römern eingeführt. Entsprechend alt ist der Name oḫbalos, auf den alle diese Wörter zurückgehen.

Die Vorfahren der Italiener waren vor mehr als 3000 Jahren aus dem Norden gekommen und übertrugen den Namen der Frucht auf die Äpfel in ihrer neuen Heimat, wie der alte Stadtname Abella bei Neapel zeigt. Die Griechen hatten inzwischen aber verbesserte Sorten. Mit ihnen übernahmen die Römer den dorischen Namen μᾶλον mâlon als lateinisch mālum (klassisch-griechisch μῆλον mêlon).

Der Apfel als wichtiger Bestandteil unsrer Kultur ist ein häufiges Erzählmotiv. Man orientierte sich auch an ihm, wenn man neue Früchte kennenlernte: Der Pfirsich galt den Griechen als "persischer", die Aprikose als "armenischer", die Quitte als "kydonischer Apfel" (nach einer Stadt auf Kreta). Pfirsich und Quitte haben heute noch ihren alten Namen. Die Aprikose war für die Römer persicum praecoquum ' ein früh reifer Pfirsich. Daraus wurde auf Umwegen unser Wort Aprikose. Nach dem Apfel benannt sind auch Apfelsine, Paradiesapfel (Tomate) und Erdapfel (ursprünglich Melone, heute Kartoffel). Die Griechen aßen die Melone im Unterschied zur Gurke nur reif und nannten sie μηλοπέπων mēlo-pépōn 'reifer Apfel'. Unser Melone ist daraus gekürzt.

Der prominenteste Apfel war der goldene Reichsapfel des mittelalterlichen Kaisers. Die goldene Kugel repräsentierte die Welt (nicht den Globus, sondern das All), das Kreuz darauf betonte die Herrschaft Christi, als dessen Statthalter der Kaiser galt.

Wie kam man aber darauf, dass Adam und Eva einen Apfel gegessen haben? Das versuchte ein lateinisches Wortspiel zu erklären: Malum 'das Übel' sei durch mālum 'den Apfel' in die Welt gekommen. Darum soll Adam geschimpft haben: "Häste nor den vermachte Appel net abgemacht!" (Hans Wiesenäcker).

 

Pfirsich: griech. μῆλον Περσικόν mêlon Persikón, lat. malum Persicum, ahd. phersih

Aprikose: griech. μῆλον Ἀρμενιακόν mêlon Armeniakón, lat. prunum Armeniacum

Pomeranze: griech. μῆλον Μηδικόν mêlon Mēdikón

Quitte: griech. μῆλον κυδώνιον mêlon kydónion, ngriech. κυδόνι [kji'ðoni], lat. malum Cydonium, ahd. quitina

Granatapfel: lat. (mālum) Pūnicum 'Granatapfel'
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Leserbrief:
Mit dem Paradiesapfel verbindet sich der Granatapfel. Siehe Altes Testament und griechische Göttinnenstatuen die den Granatapfel als einen ihrer Insignien in der Hand halten.

Meine Antwort:
Ich habe bewusst Spekulationen vermieden, was die ersten Menschen im Paradies verbotenerweise gegessen hatten. Der Baum der Erkenntnis ist wie der Lebensbaum kein botanisches Gewächs, sondern ein mythisches. Es ist allenfalls die Frage, woran der biblische Erzähler gedacht haben könnte.
Da Adam und Eva sich aus Feigenblättern Schurze machten, sollte man annehmen, dass sie nicht lange suchten, sondern die erstbesten Blätter nahmen, die sie fanden. Von daher könnte es sich um einen Feigenbaum gehandelt haben. Buddha soll unter dem indischen Feigenbaum meditiert und die Erleuchtung gefunden haben. Auch der biblische Nathanael "war unterm Feigenbaum" (Johannes 1,48), vielleicht um die Wahrheit zu suchen oder um zu beten.
Da im Wein die Wahrheit liegen soll, könnte man auch an den Weinstock denken. Weinstock und Feigenbaum sind in der Bibel  d i e  Fruchtlieferanten.
Apfel und Apfelbaum (tappuach) kommen nur 6x, Granatapfel und sein Baum (rimmon) 12x vor, dazu kommen noch ein paar Stellen von Ornamenten in Form eines Granatapfels. Beide Bäume scheinen im Heiligen Land nicht heimisch zu sein.
Bei meinen Ausführungen ging es mir nicht um die orientalischen Verhältnisse, sondern um unsre Vorstellungen. Wir reden unbefangen vom "Apfel" im Paradies, und so wird es auch auf allen mir bekannten Bildern dargestellt.

 

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Echo Online

 

Datum: 16.09.2008

Aktuell: 13.02.2017