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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Börsen und Burschen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Börsen und Burschen haben es an sich, dass es bei ihnen laut zugeht. Junge Leute neigen ohnehin dazu, Krach zu machen. Und die Börse war ursprünglich ein Treffpunkt für Kaufleute, da konnte man sich nur verständigen, wenn man nicht allzu leise sprach. Ab und zu kommt es zu einem Börsenkrach, wenn die Kurse ins Bodenlose abstürzen. Dieser "Krach" entsteht nicht dadurch, dass die Börsianer entsetzt aufschreien, sondern dass ein Luftschloss aus aberwitzigen Spekulationen einstürzt und andere, solidere Konstruktionen mit sich reißt. Krach ist in diesem Falle eingedeutscht aus englisch crash, das heute oft im Sinne von 'Zusammenbruch, Zusammenstoß' gebraucht wird. Beide Wörter gehen auf ähnlich gebildete Schallwörter zurück: Erst knirscht es (kr-), dann wird es sehr laut (-a-) und schließlich verhallt der Lärm mit einem leisen Zischen (-ch, -sh).

Börsen und Burschen sind jedoch nicht danach benannt, dass es bei ihnen mitunter Krach gibt. Wonach aber sonst?

In Brügge gab es im Spätmittelalter eine Kaufmannsfamilie, die im Wappen drei Geldbörsen führte und daher den Beinamen van de Borse 'von der Börse' trug. Borse nannte man später auch den Platz vor ihrem Haus. Dort trafen sich die Kaufleute, um ihre Geschäfte abzuwickeln. 1531 trug ein Handelshaus in Antwerpen diesen Namen, und bald darauf ging das Wort borse, deutsch Börse 'Kapitalmarkt' in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Unser Ö stammt aus dem Holländischen (beurs). Grundlage dieses Wortes ist griechisch βýρσα býrsa 'abgezogenes Fell'. Daraus konnte man Geldbeutel machen (mittellateinisch und altsächsisch bursa).

Das mittelhochdeutsche Wort war burse. Damit bezeichnete man nicht nur das Portemonnaie, sondern auch ein Wohnheim für Studenten, die aus einer gemeinsamen Geldbörse wirtschafteten, bezeugt schon 1465 in Heidelberg. Die Burse empfand man im 17. Jahrhundert nicht mehr als weibliche Einzahl 'die Studentenschaft', sondern als Mehrzahl 'die Studenten'. Daraus bildete man die neue Einzahl der Bursch(e) 'Mitglied einer studentischen Genossenschaft'. Das ‑rsch- entspricht den neuen Aussprachegewohnheiten des Spätmittelalters.
Da Studenten in der Regel junge Männer waren, bekam Bursche die Bedeutung 'junger, unverheirateter Mann'. Schließlich wurde das Wort weiter verallgemeinert zu 'männliche Person mit bestimmten Eigenschaften, Kerl' ("ein toller / übler Bursche"). Da junge Männer noch keine Berufserfahrung hatten, setzte man sie erst mal nur für Hilfsdienste ein ("Laufbursche, Offiziersbursche").

Was doch aus einem Stück Fell alles werden kann: ein voller oder leerer Beutel - ein Kapitalmarkt, der mit Milliarden gestützt werden muss - ein junger Mann, der noch kein Geld hat.

   

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Echo Online

 

Datum: 14.10.2008

Aktuell: 01.06.2017