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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bloßgestellt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn unser Lehrer die Aufsätze zurückgab, hat er auch besprochen, was ihm nicht gefallen hat. Wir sollten ja aus unsern Fehlern lernen. Formulierungen, die komisch waren oder in unsren Ohren anzüglich klangen, trug er so vor, dass wir lachen mussten. Bis wir uns fragten, warum wir uns das gefallen ließen, dass Mitschüler lächerlich gemacht und bloßgestellt wurden. Beim nächsten Mal lachte keiner. Wir machten todernste Gesichter. Dem Lehrer erstarb das Lachen im Mund.

Bloßstellen, das heißt wörtlich: jemand vor aller Augen nackt hinstellen. Stellen Sie sich einen Diktator ohne seine protzige Uniform vor, wie er splitternackt wild schreiend und gestikulierend eine Rede hält, mit Hängebauch und krummen Beinen. Der Mann würde sich ja lächerlich machen. Kleider verbergen unsere "Blöße" und sind Ausdruck unsrer Würde.

In der frühen Neuzeit hat man Übeltäter an den Pranger gestellt. Sie wurden öffentlich an eine Säule gefesselt und mussten sich von den Vorübergehenden verspotten und beschimpfen lassen. Der arme Sünder im Halseisen hat da weder geprunkt noch geprangt und bot keinen prachtvollen, sondern einen überaus erbärmlichen Anblick. Prangen, prunken und Pracht haben nicht mit dem Schandpfahl zu tun. Dieser ist vielmehr danach benannt, dass der Verurteilte an eine prange 'Säule' gefesselt wurde.

Der Pranger war ja ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass jemand durch sein Verhalten seine Ehre verspielt und Schande auf sich geladen hatte. Schande ist abgeleitet von Scham und schämen. Scham ist das Gefühl, sich bloßgestellt zu haben, am elementarsten, wenn fremde Leute uns nackt sehen. Wir tragen Kleider nicht, weil wir frieren, sondern weil wir uns sonst schämen müssten. Wir schämen uns auch, etwas zu tun, was von der Allgemeinheit missbilligt wird. Wir wollen doch unser Ansehen wahren und unser "Gesicht nicht verlieren".

Für 'beschämen, bloßstellen' sagen wir heute oft blamieren. Dieses Wort kommt über französisch blâmer von griechisch βλασφημεῖν blasphēmeîn 'lästern, respektlos reden'. Als Blasphemie, eigentlich 'Gotteslästerung', gilt  für uns heute die Beschimpfung von Glaubensinhalten.

Der Pranger steht zwar noch in einigen Städten als Zeichen alter Gerichtsbarkeit, aber als Strafe ist er schon längst abgeschafft. Dennoch werden heute immer noch Menschen "an den Pranger gestellt" und ihre Vergehen "angeprangert". Neulich las ich, dass Namen angeblicher "Sprachpanscher" öffentlich bekannt gegeben und dadurch Mitmenschen verunglimpft werden. Die mittelalterlichen Delinquenten wurden von einem öffentlich bestellten Richter zum Pranger verurteilt. Nach welchem Gesetz ist "Sprachpanschen" eine strafbare Handlung und wer hat uns zu Richtern oder Schulmeistern eingesetzt?

   

 

 

 

 

 

 


 

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Echo Online

 

Datum: 25.11.2008

Aktuell: 26.03.2016