Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Unsittliche Sitten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Es ist doch ein starkes Stück: Gleich nach den Sommerferien liegen Marzipan und Spekulatius, Lebkuchen und Dominosteine in den Regalen. Und noch ärgerlicher, dass es schon im November keine Dominosteine mehr gibt – ausverkauft, sechs Wochen vor Weihnachten! Das ist doch Weihnachtsgebäck, es soll erst am Heiligen Abend ausgehändigt werden und nicht schon vorher vernascht werden. Sitten gibt es heute, oder vielmehr Unsitten!

Ist es dann unsittlich, schon im August Lebkuchen zu naschen?

Eine Sitte ist ein Brauch oder eine Gewohnheit, ohne moralische Wertung. Das Wort Unsitte kennzeichnet ein unerwünschtes Verhalten. Vorher naschen ist vielleicht eine Unsitte, aber nicht unsittlich. Dieses Wort bedeutet 'unmoralisch' und nicht nur 'unüblich'. Es ist das Gegenteil von sittlich, Übersetzung von lateinisch mōrālis 'im Bezug auf die gute Sitte, auf Anstand und Tugend' (lateinisch mōs, griechisch ἦθος ḗtʰos).

Früh machten sich die Philosophen Gedanken über das richtige Handeln und die ihm zugrunde liegenden Werte. Die Griechen fassten diese Überlegungen zusammen mit dem Begriff ἠθικὴ ἐπιστήμη ētʰikḕ epistḗmē 'die Wissenschaft von der Sittlichkeit', daher unser Fremdwort Ethik. Der Römer Cicero übersetzte mit philosophia mōrālis, deutsch Moralphilosophie. Wenn wir heute das Wort Moral hören, fallen uns die Einschränkungen und Forderungen der Moralprediger ein, die das ganze Leben mit Geboten und Verboten regulieren wollen und uns keine eigene Verantwortung zutrauen. Deshalb sprechen wir lieber von Ethik, ethisch, das sind allgemeine Überlegungen über Gut und Böse. Sie lassen uns Handlungsspielraum. Auch sittlich und unsittlich sind in Misskredit geraten, weil wir dabei vor allem an die sexuellen Normen denken, als ob es nicht auch noch andere Verhaltensregeln gäbe.

Also, "unsittlich" ist die Unsitte des vorzeitigen Verkaufs von Weihnachtsgebäck auf keinen Fall.

Sitten sind einem stärkeren Wandel unterworfen als moralische Vorschriften und ethische Werte. Die vorzeitigen Plätzchen gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten, seitdem man das Backwerk kaufen kann. Früher musste man selber backen, diese Mühe machte man sich nur vor Weihnachten. Die Plätzchenfabriken aber können nicht nur vom Weihnachtsgeschäft leben. Der Sinn des Christfestes besteht nicht im Kekseknabbern und wird durch vorzeitigen Verkauf von Weihnachtssüßwaren nicht in Frage gestellt.

Man könnte ja auch beanstanden, dass Karneval schon im November beginnt und nicht erst kurz vor der Fastenzeit. Oder dass der Geschenkebringer den ganzen Dezember über tätig ist. Bräuche haben es nun mal an sich, dass sie sich auf einen größeren Zeitraum ausweiten oder durch den Kalender wandern.

   

 

 


Leserbrief:

...habe mich ... gewundert über den Satz „Bräuche haben es nun mal an sich, dass sie sich auf einen größeren Zeitraum ausweiten oder durch den Kalender wandern.“ Meinen Sie das im Ernst?

 

Meine Antwort:

Leider konnte ich meine Behauptung, dass Bräuche durch den Kalender wandern, nicht weiter ausführen, weil ich nur einen beschränkten Platz in der Zeitung habe. Ein paar Beispiele:

  • Kirchweih (Kerb, Kerwe) feiert man meist im Sommer oder Herbst. Das alte Brauchtum hatte vieles mit der Fastnacht gemeinsam (humoristische Reden, Umzüge mit verkleideten Gestalten).

  • Geschenkbräuche im Winter sind am 11.11. (St. Merten), 06.12. (St. Nikolaus), Weihnachten (Christkind), 26.12. (St. Steffen), Neujahr und Epiphanias (Befana in Italien) bezeugt. Die Geschenkebringer verschiedener Zeiten und Regionen sind jeweils nach dem Heiligentag benannt, an dem sie auftreten. Dazu kommt der Osterhase.

  • Heischegänge (herumgehen und um kleine Geschenke betteln) gab es früher bei uns z.B. an Neujahr. Heute wurden sie wiederbelebt an Halloween.

Was ich weiter ausgeführt habe, ist die Ausweitung des eigentlichen Festes auf einen längeren Zeitraum. Auch dafür kann ich mehrere Beispiele nennen:

  • Die sogenannte Vorweihnachtszeit, in der angeblich allein Plätzchen verkauft werden dürfen, in welcher aber auch schon Weihnachtsbäume aufgestellt werden, der Weihnachtsmann spazieren geht und Weihnachtslieder in den Geschäften dudeln. Wie in der Sprachecke dargestellt, hat das alles seinen angestammten Platz vom 24.-26. Dezember.
    Ich habe den Konsumterror und die Dominanz der Wirtschaft nicht angesprochen. Sondern wollte nur zum Nachdenken anregen: Die Kirchen protestieren gegen den vorzeitigten Plätzchenverkauf mit "Advent ist im Dezember". Damit ist aber das Grundsatzproblem nicht angesprochen. Die "Plätzchenfabriken" sind nur ein Symptom. Wer an den alten Bräuchen festhalten will, darf auch im Dezember keine Plätzchen kaufen, sondern muss sie selbst backen und an Weihnachten verschenken.

  • Ein anderes Thema, auch zu Weihnachten: Es ist fast unmöglich, in den wenigen Tagen, die zur Verfügung stehen, mit allen zu feiern, mit denen man feiern möchte. Schon in der Familie ist es schwierig: Wir haben vier Kinder, alle aus dem Haus, zwei mehr in der Nähe, zwei weit weg. Dieses Jahr lässt sich's noch einmal machen, dass wir alle zusammenkommen. Zu den familiären Feiern kommen die Feiern im Betrieb und Verein. Da braucht man eben mehr Zeit und muss schon Ende November anfangen.

  • Ich habe die "fünfte Jahreszeit" angesprochen. Schon im Spätmittelalter hat der eine Tag vor Aschermittwoch zum Feiern nicht ausgereicht, man schuf weitere Termine wie WeiberFastnacht, HerrenFastnacht, Alte Fastnacht. Jetzt sind wir so weit, dass die Vereine einige Monate brauchen, um ihre vielen Veranstaltungen unterzubringen, und sich beschweren über die unerwünschte Konkurrenz von Halloween.

  • Auch die Kerb hat sich ja nicht auf das eine Wochenende beschränkt. Da gab es Kerb-Ansaufen, Kerb, Nachkerb und Kerb-Absaufen: einen ganzen Monat lang.

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 09.12.2008

Aktuell: 06.03.2017