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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schmiergelder

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Denn mit der Post geht's nicht so schnell" singt die Christel von der Post. Sie ist mit ihren Herzensangelegenheiten genauso zögerlich wie die Briefzustellung um 1890. Dabei wurden Sendungen damals doch schon mit der schnelleren Eisenbahn und nicht mehr mit der Postkutsche befördert, wenigstens auf den Hauptstrecken. Vergleichsweise langsam ist der Postbote, der ja dauernd stehenbleiben muss, um Briefe einzuwerfen.

Dass man schneller vorwärts kommt, wenn man regelmäßig die Pferde wechselt, wussten schon die Römer. Sie hatten für ihren cursus publicus, den Kurierdienst für amtliche Schreiben, schon Stationen eingerichtet, wo man die Pferde austauschen konnte. Im Mittelalter zerfiel diese Infrastruktur, man schickte bei Bedarf Boten. Erst in der Neuzeit wurde das Postwesen neu organisiert. Das wesentliche Beförderungsmittel war die Postkutsche, die nicht nur Briefe und Pakete, sondern auch Passagiere mitnahm.

In diesem Zusammenhang entstand unser Wort Post. Italienische Kaufleute richteten im 15. Jahrhundert ein Beförderungssystem ein wie bei den Römern. Posta nannte man einen "Posten", an dem man die Pferde wechseln konnte. Im Deutschen ist das davon abgeleitete Post seit 1494 bezeugt, Postmeister schon seit 1489. Denselben Ursprung hat das Wort Posten 'Rechnungsbetrag' (15. Jahrhundert). Das militärische Posten 'Wachstation' kommt vom männlichen italienischen posto (17. Jahrhundert). Alle diese Wörter gehen zurück auf lateinisch posita, positus 'festgesetzte (Station)'.

Auch bei der Postkutsche galt der Grundsatz: "Wer gut schmeert, der gut fährt". Das Gefährt war nur brauchbar, wenn der Postillion (Postkutscher, 16. Jahrhundert) regelmäßig die Achsen mit Fett bestrich. Wenn er das versäumte, rieben sich die Naben auf den Achsen und fraßen sich fest. Ohne Schmieren gab es kein Fortkommen.

Dafür wurde 1812 auf jeder Station ein "Schmiergeld" von 12 Kreuzern erhoben. Der Passagier musste ferner je nach Art der Kutsche ein "Chaisengeld" zwischen 36 Kreuzern und 1 Gulden (60 Kreuzern) und ein Trinkgeld für den Postillion von 45 Kreuzern bezahlen. Mautgelder wurden bei Bedarf kassiert. [1] Das alles waren Gebühren, keine Bestechungsgelder. Postillion und Posthalter waren Staatsbeamte, die für Käuflichkeit bestraft worden wären.

Schmiergeld zur Korruption hat eine andere Geschichte: Schmieren hatte schon um 1400 die Bedeutung 'bestechen', etwa in der Wendung "Man muss einem Richter die Hände schmieren". Denn ohne "Schmiere" ging ihm nichts von  der Hand, so wenig wie man mit einem schlecht gewarteten Wagen fahren konnte. Smeergeld 'Bestechungsgeld' war im Plattdeutschen schon um 1700 bekannt. Im Hochdeutschen sagte man dafür Schmieralien.

 

[1] M. Koehler und R. Goldmann, Geschichte des Postwesens im Großherzogtum Hessen (1909) S. 133 f

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Echo Online

Sprachecke 09.03.2010

 

Datum: 16.12.2008

Aktuell: 26.03.2016