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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

O Tannenbaum

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Für die Menschen früher war der Winter sehr trostlos. Noch um 1880 lag auch in unsrer Gegend hoher Schnee, der wie ein Leichentuch alles zudeckte. Die Bäume streckten ihre kahlen Äste und Zweige zum Himmel. Keine Spur von grünender und blühender Vegetation war zu sehen. "Amsel, Drossel, Fink und Star" waren weggeflogen und hatten nichts als Trübsinn zurückgelassen. Die langen, finsteren Nächte begünstigen Schwermut und Depressionen.

Schon früh wussten die Menschen die wohltuende Wirkung des Lichtes zu schätzen. Mit Herdfeuer, Kienspan, Kerze und Lampe kämpften sie an gegen die Dunkelheit um sich herum und in ihren Herzen. Sie freuten sich auch über jeden Hauch von Grün und empfanden es als ein Wunder, dass der Tannenbaum auch im Winter "grüne Blätter" trägt. Dass man mit etwas Geschick auch Zweige von Laubbäumen in der warmen Stube dazu bringen kann, Blätter und Blüten zu treiben, ist seit langem bekannt: Wenn man am Barbaratag (4. Dezember) die Zweige schneidet, hat man an Weihnachten blühende "Barbarazweige".

Einfacher ist es mit dem Weihnachtsbaum. Schon im 16. Jahrhundert hatte man im Elsass Nadelbäume ins Zimmer gestellt und mit künstlichen Blumen, Naschwerk und Spielzeug geschmückt. 1611 sind Kerzen auf dem Baum bezeugt. Der Lichterbaum wurde damit zu einem Symbol unseres Bedürfnisses nach Grün und Licht. Er hat sich aber erst Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland durchgesetzt und von da aus weltweit verbreitet. Die katholische Kirche hat sich lange dagegen gewehrt. Mit Recht: Die Krippe ist ein besseres Symbol für die Geburt Jesu.

Nicht nur die Krippe hat dem Weihnachtsbaum Konkurrenz gemacht. Es stehen bis heute gleichberechtigt nebeneinander der süddeutsche Christbaum und der norddeutsche Tannenbaum und Weihnachtsbaum. Die Grenzen überschneiden sich, so dass in vielen Gegenden zwei oder gar alle drei Wörter gebräuchlich sind.

Herkömmlich nahm man Fichten für die winterliche Dekoration. Warum sagt man aber Tannenbaum? Weil in der Umgangssprache Tanne allgemein den Nadelbaum bezeichnet, nicht nur die Weißtanne, die besonders in höheren Lagen gedeiht, in vielen Gegenden wie bei uns in Südhessen auch die Kiefer. Tanne ist nur im Deutschen und Niederländischen gebräuchlich und hat Verwandte im Keltischen und Slawischen, wo es aber 'Eiche' bedeutet.

Tanne nennt man auch die Kiefernwälder auf den Sandflächen des Rieds, wohl zu Tann 'Wald' und Tenne 'Dreschplatz'. Die verwandten germanischen Wörter bezeichnen eine gewölbte Fläche, eine Tierhöhle, ein Tal oder einen Wald, haben also nichts mit dem Nadelbaum zu tun, wohl aber mit unserm Nachbarland Dänemark 'Waldgebiet'. Ähnlich bedeutet Holstein (alt Holt-sete) 'Holzsassen, Waldbewohner'.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 23.12.2008

Aktuell: 26.07.2016