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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Humpelgang

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Nanu, humpelst du wieder?" fragte meine Frau. "Ja, heute Nacht hat's wieder angefangen, die große Zehe tat weh und jetzt ist sie schon ganz geschwollen und heiß." Was ist das wohl? Die Ärztin nannte es Podagra (griechisch ποδάγρα pod-ágra 'Fußfalle', man ist genauso gehbehindert, wie wenn man in eine Falle getreten wäre). Im Volksmund sagt man Zipperlein (zu einem älteren zippern 'schwerfällig gehen, trippeln, humpeln'). Der gewöhnliche Name ist aber die Gicht.

Die Ärztin weiß nicht nur, wie diese Krankheit heißt, sondern kennt auch ihre Ursache, eine Art Stoffwechselstörung. Früher hatte man eine andere Erklärung: Das kann nur Hexenwerk sein. Wir kennen das vom Rückenschmerz, der urplötzlich an einem Punkt auftritt, dem Hexenschuss. Das fühlt sich so an, als habe uns jemand heimtückisch ins Kreuz geschossen. Wer denn? Eine böse Zauberin natürlich.

Ähnlich hat man 1912 den Namen der Gicht zu erklären versucht: Das Wort bedeute 'Beschwörung, Verhexung', so steht das noch heute in den Nachschlagewerken. Man versucht es abzuleiten von althochdeutsch jiht, das aber 'Bekenntnis' und nicht 'Beschwörung' bedeutet. Von der Zusammensetzung bi-jihta kommt das Wort Beichte. Die Krankheit hieß aber auf Althochdeutsch giht, mit G und nicht mit J, lässt also eher einen Zusammenhang mit gehen erkennen. Mittelhochdeutsch gicht kann auch 'Gang, Reise' bedeuten. Gicht 'Zugang' nennen wir heute auch den oberen Teil des Hochofens, von wo aus er gefüllt wird. Der Krankheitsname bezeichnet dann wohl wie Zipperlein eine Art zu gehen, das Humpeln.

Das Wort Gicht hat eine bewegte Geschichte: Nach den ältesten Belegen handelte es sich um eine Lähmung; später waren Krämpfe gemeint, aber auch Angstanfälle, Epilepsie, Schlaganfall, Rheuma und vieles andere. Bereits um 1350 konnte das Wort auch Podagra und Chiragra (Fuß- und Handgicht) bedeuten. Seit 1848 bezeichnet Gicht ausschließlich die Störung Hyperurikämie (griechisch ὑπέρ hypér 'über', οὐρικός urikós 'Harnsäure', αἷμα hǟma 'Blut').

Zu Beginn der Neuzeit hat man zur Krankheitsbezeichnung Pluralformen gebildet, weil es sich ja meist um wiederholte Anfälle handelt: Gichte, Gichten und südhessisch Gichter. Im Mundartwort leben noch die alten Bedeutungen 'Krämpfe, Kinderkrämpfe' und 'Panikattacken' weiter. In Kirchenbucheinträgen ist oft zu lesen, dass Kinder an den Gichtern gestorben seien. Heute sagt man "Ich kriege die Gichter", meint das aber im übertragenen Sinn: Ich halte es nicht mehr aus vor Angst oder Verzweiflung.

Für die Angstanfälle hat man die Zusammensetzung Geisegichter gebildet. Das hat mit der Ziege (Geiß) nichts zu tun, eher mit Geist (vergeistern 'ängstigen', vergeistert 'verschüchtert) und gotisch us-gaisjan 'jemand erschrecken'.

   

 

 

 

Leserbrief:

Gichter" bzw. "Geisegichter: Der Ausdruck ist in der südhessischen Mundart durchaus noch geläufig. "Do kennt ma die Gaasegichter  krieje" sagt man aber nicht im Zusammenhang mit Angst oder Panikattacken, sondern wenn man sich sehr ärgert, weil etwas gar nicht so läuft oder klappt wie man möchte.

 

Meine Antwort:

Ich kennen den Ausdruck (Geise)gichter ja selbst aus meiner Heimatmundart und habe mir überlegt, in welcher Situation ich fast die Gichter hätte kriegen können. Da fiel mir ein, wie sich unsre Kinder mal aus dem Fenster im 1. Stock gelehnt hatten. Eigentlich konnte gar nichts passieren, sie waren auf den Nachtspeicherofen geklettert, aber vom Garten aus sah das wer weiß wie gefährlich aus und da hätte ich "fast die Gichter kriegt", als ich das sah. Es ist dreißig Jahre her, aber der Schreck sitzt mir immer noch in den Knochen.
Im Südhessischen Wörterbuch sind beide Redensarten meist ohne Situationsangabe überliefert. Es steht zwar meist dabei, es handle sich um "heftige Angst, heftigen Schrecken" oder wie bei Ihnen "es ist rein zum Verzweifeln", aber das könnte ja auch eine falsche Erinnerung sein. Oft kennt man ja ein Wort und weiß nicht mehr richtig, was gemeint ist. Umso wertvoller ist daher Ihr Beitrag: "wenn man sich sehr ärgert, weil etwas gar nicht so läuft oder klappt wie man möchte.
Immerhin macht auch das Wörterbuch eine Situationsangabe: Da sagte 1958 jemand in Rheinhessen: "Wer hält do net die Gichtere aus, wenn er über die Kreuzung fahre muss?"

 

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Echo Online

 

Datum: 06.01.2009

Aktuell: 09.11.2016