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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gibt's nicht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schade, dass es keine Flachkräcker mehr gibt. Sie wurden aus dem Sortiment genommen. Quaggas, eine Art Zebra, gibt's auch nicht mehr. Sie sind ausgestorben. Nun kann man auf britischen Bussen lesen, dass es "wahrscheinlich auch keinen Gott gibt".

Kann man an etwas glauben, was es nicht gibt? Ich bin im Krieg geboren. Seit 1945 ist der Krieg zu Ende. Wie die Nachrichten täglich zeigen, gibt es aber bis heute keinen Frieden, sondern überall Gewalt und Streit. Hat es Sinn, an den Frieden zu glauben, wenn es ihn offensichtlich nicht gibt? An Frieden glauben heißt nicht vermuten, dass es ihn gibt, sondern danach streben. Genauso bedeutet an Gott glauben nicht von seiner Existenz überzeugt sein, sondern Gott suchen. Ich habe es übrigens neulich beim Familientreffen sehr genossen, dass in unsrer Familie Friede herrscht  – nicht nur an Weihnachten. Wir glauben an den Frieden, darum haben wir ihn.

Amen. Das war eine Predigt. Ich wollte aber Sprachecke schreiben. Tue ich auch von Anfang an.

Das germanische Wort Gott ist in der Religionsgeschichte einzigartig. Es bezeichnet nicht irgendein Wesen, das vielleicht vorhanden ist, vielleicht auch nicht. Man könnte das Wort übersetzen mit 'Gegenstand der religiösen Verehrung'. Genauer: 'das Angerufene', abgeleitet von indogermanisch ǵʰau, altindisch hu 'rufen'. 'Gerufen' war ǵʰutón, altindisch hutá.

Dieses Wort hat sich mit einem gleichlautenden gekreuzt, das 'gießen' bedeutet (griechisch kʰytón 'gegossen'). Gemeint war nicht ein Gottesbild aus Metall, das es vor 5000 Jahren noch nicht gab, sondern ein Opfer, das man ausgoss oder ins Feuer warf. Altindisch hôtar war der Opferpriester. Sein iranischer Kollege zaotar beschränkte sich seit Zarathustra darauf, Hymnen zu rezitieren.

Als das germanische Wort ḡuða 'Gott' aufkam, waren die beiden Begriffe ganz miteinander verschmolzen: Beten und Opfern sind Ausdruck religiöser Verehrung.

Warum haben unsre Vorfahren sich so vorsichtig ausgedrückt? Sie hatten viele Götter und Sammelbezeichnungen. Ḡuða war ein Oberbegriff 'das Verehrte', mit dem man alle Gegenstände des Glaubens zusammenfassen konnte. Die christlichen Missionare griffen dieses Wort auf, weil es nicht mit bestimmten Vorstellungen belastet war.

Wenn wir das so sehen, erübrigt sich die Frage, ob es das verehrte Wesen gibt oder nicht. Da hat doch jeder seine eigenen Vorstellungen, die falsch oder richtig sein können. Lebenswichtig ist das nicht. Entscheidend ist, was wir als den höchsten Wert anerkennen und wonach wir streben. Die Römer verehrten Mars, den Kriegsgott, und führten Krieg. Wer wie Jesus an Selbstlosigkeit und Liebe glaubt, lässt aus Idealen Wirklichkeit werden. Darauf kommt's an.

   

 

 

 

 

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Datum: 13.01.2009

Aktuell: 26.07.2016