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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Giftküche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Er hatte in einem ausländischen Giftshop einen Großeinkauf gemacht und lief danach herum mit einem Gesicht, "als ob er die Pfalz vergiften wollte". Wollte er einen Völkermord begehen und die Bevölkerung eines halben Bundeslandes ausrotten? Er hat es niemand verraten, hat auch nichts unternommen, sondern war am Tag darauf wieder normal. Er hatte sich nur über etwas geärgert.

Es ist wirklich rätselhaft, wie diese Redensart zu verstehen ist. Herkömmlich deutet man sie so: Vergiften sei zu verstehen als 'vergeben, verschenken'.

Liselotte, die Tochter des Kurfürsten Karl I. Ludwig von der Pfalz, wurde 1671 mit dem Bruder des französischen Königs verheiratet. Dieser verzichtete im Ehevertrag auf das Territorium seiner Schwiegereltern. Als diese gestorben waren, erhob er trotzdem Ansprüche auf das Erbe. Er kam damit nicht durch. Deshalb versuchte Frankreich 1688-97 die Pfalz zu erobern und verwüstete sie, als das nicht gelang.
Die Pfalz wurde aber nicht "vergiftet"; Liselotte hatte sie nicht als Mitgift in ihre Ehe gebracht und die Franzosen verwendeten kein Arsen, sondern Kanonen und Feuer. Selbst wenn man annimmt, dass vergiften wie im Mittelalter auch im 17. Jahrhundert noch 'verschenken' bedeutet hat, ergibt diese Redensart für Liselottes Heimat keinen Sinn.

Es kann also nur gemeint sein, dass jemand so wütend ist, dass er die Einwohner eines ganzen Landstrichs umbringen könnte. Von anderen hat man sogar behauptet, sie sähen aus, "als wollten sie die ganze Welt vergiften". "Die Pfalz vergiften" ist also nur ein Beispiel für solche Mordgelüste.

Wieso kann vergiften noch eine andere Bedeutung haben? Wir verstehen heute unter Gift eine tödliche Chemikalie. Die Grundbedeutung ist aber 'Gabe', wie im englischen Wort. Giftshop ist kein "Giftschuppen", sondern ein Laden, in dem man gifts 'Geschenke', Mitbringsel kaufen kann.

Wir kennen diese Bedeutung noch in unserm Wort Mitgift, die Kapitalien, die die Eltern der Braut mit in die Ehe geben. Davon zu unterscheiden ist die Aussteuer, bestehend aus Textilien und Geschirr, also das, was die Braut für einen eigenen Hausstand benötigt. Steuer ist hier im alten Sinn von 'Unterstützung, Beihilfe' zu verstehen. Aussteuer ist also das, was man zur Unterstützung der Braut herausgibt. Vom Mann bekam die Frau als Brautgeschenk das Wittum, (zu indogermanisch vedʰ- 'heimführen, heiraten') und nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe.

Auch die tödlichen Chemikalien sind "Gaben", die man Menschen verabreicht, um sie umzubringen. Gift in diesem Sinne ist Lehnübersetzung von griechisch-lateinisch dosis 'Gabe, eine ausreichende Portion'. Denn nicht die Substanz an sich wirkt tödlich, es kommt auf die Menge an.

   

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Echo Online

 Fragen: Gift, Mitgift

 

Datum: 11.02.2009

Aktuell: 30.01.2017