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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Paradies aus Beton

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das biblische Paradies, der Garten Eden, bestand nicht aus Gemüse- und Blumenbeeten, sondern es ist von Bäumen und ihren Früchten die Rede. War das ein Garten? Eine Streuobstwiese? Ein Wald?

In einem Garten wachsen nicht nur Blumen und Gemüse. Es gibt auch den Baumgarten (Bangert) und Weingarten (Wingert). Der Grasgarten eines Bauernhofs dient als Weide, Trockenplatz, Bleiche, Spielplatz, Festplatz. Auch der Flur- und Ortsname Rosengarten bezeichnete einen 'Grasgarten' (hessisch Råsə 'Rasen'), nicht eine Anlage mit Blumen. Das wesentliche an einem Garten ist, dass er eingezäunt ist (aus germanisch gerdan 'einfassen'; dazu gehören auch Gurt und gürten).

Das Wort Paradies hat einen ähnlichen Hintergrund: Zugrunde liegt altiranisch pairidaeza 'Gehege', eigentlich 'Umwallung' (daeza). Die persischen "Paradiese" waren keine Obstplantagen, sondern Wildparks, in denen die Großkönige ihrer Jagdleidenschaft frönen konnten.

Das biblische Paradies lässt sich am besten als Park beschreiben: eine offene Landschaft mit Bäumen und Tieren. Park stammt aus dem Englischen. Wir Deutschen lernten dieses Wort um 1700 kennen im Zusammenhang mit dem "Englischen Garten". Bei ihm werden im Unterschied zum "Französischen Garten" die Bäume nicht gestutzt, sondern dürfen frei wachsen. Dieser englische Park war eine Sonderentwicklung in der Barockzeit, in der immer prächtigere Schlösser gebaut wurden. Ursprünglich war ein Park weiter nichts als ein eingefriedetes Grundstück.

Das englische Wort stammt von altfranzösisch parc 'Tiergehege, Herde', auf Deutsch Pferch. Wir hatten zu Hause einen Hinkelspferch, eine eingezäunte Freifläche. Dort konnten unsre glücklichen Hühner im Sand scharren. Der Schäfer sperrt abends die Schafe in den Schafspferch, den er aus einzelnen Gattern (Hürden) zusammengebaut hat. Alle diese Wörter gehen auf lateinisch parricus 'Einfriedung, Gehege' zurück.
Ein "Paradies" aus Beton ist der Parkplatz. Auf ihm sind die Autos geparkt, "eingepfercht" wie Schafe in ihrem Gehege. Auch parken kommt übers Englische aus dem Französischen, dort bedeutet parquer 'einpferchen'. Aus dem Französischen stammt auch die zweite Bedeutung von Park 'Abstellplatz' (Fuhrpark).

Das alte germanische Wort für 'Pferch, Park, Paradies' ist Hagen. Man umgab ein Grundstück nicht mit Wall, Mauer oder Holzzaun, sondern mit einem Hag 'Dornhecke'. Das so geschützte Land nannte man Hagen (gesprochen "Hajen"), heute Hain, poetisches Wort für 'Gehölz, Wald'. In unsrer Gegend wurde daraus der Ortsname Hahn 'von einem Hag geschützte Siedlung'.
Das zugehörige Verb ist hegen 'umzäunen, durch einen Hag schützen, pflegen, bewahren'. Man kann sich in so einem "Paradies" ganz behaglich fühlen.

   

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Echo Online

 

Datum: 24.03.2009

Aktuell: 26.03.2016