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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Unannehmlichkeiten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Nein, ich bedaure nicht, dass ich das gesagt habe, aber es tut mir Leid, dass es bei euch falsch angekommen ist." Falscher Stolz kann verhindern, dass wir uns mit unsern Fehlern auseinandersetzen und daraus lernen.

Das Wort Leid kommt in der heutigen Sprache kaum noch vor, allenfalls als Verbum "Die Kinder müssen drunter leiden", in Ableitung wie leider oder in Zusammensetzungen: "Die Kinder sind die Leidtragenden". Wie kommt denn das? Weil's uns heute so gut geht und weil es kein Leid mehr gibt? Oder weil wir die Augen davor zumachen und es nicht wahrhaben wollen, aus unserm Bewusstsein verdrängen?

Leid, das waren früher allgemein die Unannehmlichkeiten des Lebens, Ärger, Missgeschick, Krankheit, Altersbeschwerden, Schmerzen, Trauer, Tod. Das gibt es alles heute noch, aber wir nennen es anders:

Wir reden von Frust (kurz für Frustration) und sind frustriert, wenn nicht alles so läuft, wie wir's uns vorstellen. Diese Wörter kamen Ende der 60er-Jahre auf und sind abgeleitet von lateinisch frūstra 'vergeblich'. Ihren Ursprung haben sie in einer Theorie, wie Aggression entsteht und wie man sie verhindern kann. Vergröbernd dargestellt: Aggression entsteht durch Frustration. Wenn man jemand nicht seinen Willen lässt, wird er wütend. Wie man dies verhindern kann, liegt klar auf der Hand. Das führte zu mancherlei Auswüchsen der antiautoritären Erziehung. Vergessen war all das, was man vormals abhärten nannte und "Was mich nicht umwirft, macht mich stark."

Vieles, was man früher unter Leid verstand, fassen wir heute mit dem Wort Stress zusammen. Dieser Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet 'Nachdruck, Spannung, Belastung'. 1936 hatte der kanadische Mediziner Hans Selye diesen Fachausdruck eingeführt als 'Überbeanspruchung des menschlichen Organismus'. Stress, Belastung und Anforderungen müssen nicht schädlich sein. Denn wenn wir nicht gefordert werden, leisten wir nichts. Es hat sich aber herumgesprochen, dass wir nicht nur seelisch, sondern auch körperlich leiden, wenn wir gestresst sind. Wenn der Chef schimpft, die Arbeitskollegen mobben oder die Kinder nerven, dann ist das genauso Stress (früher sagte man Ärger), wie wenn man immer unter Zeitdruck steht.

Ehedem schrieb man es den eigenen "Nerven" zu, wenn man sich ärgerte. Die Schuld suchte man nicht bei den Anderen oder den Umständen, sondern bei sich selbst. Und konnte vielleicht auch etwas tun, um sich ein "dickes Fell" zuzulegen und innerlich stark zu werden.

Ich frage mich, warum wir das Leid nicht bei seinem Namen nennen. Es wird ja nicht besser, wenn wir es umbenennen oder gar ignorieren, sondern wenn wir uns ihm stellen und unser "Päckchen" mit Bedacht auf uns nehmen und tragen.

   

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Echo Online

 

Datum: 21.04.2009

Aktuell: 26.07.2016