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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Struwwelpeter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es soll tatsächlich Menschen geben, die sich jahrelang ihre Nägel nicht schneiden. Zeitweise war es Mode, dass auch Jungen lange Haare trugen. Sogar Löwenmähnen im "Afro-Look" hat es schon gegeben. In einer anderen Zeit wäre der Struwwelpeter kaum aufgefallen.

Viel hat sich ja nicht geändert im Verhalten der Kinder seit dem Erscheinen dieses Buchs 1844: Den aggressiven "bösen Friedrich" gibt's noch genauso wie den unruhigen "Zappelphilipp". Man wundert sich, dass es schon damals Rassisten gab wie die drei Buben, die den Mohren verspotten. Der "Struwwelpeter" ist kein altmodisches Buch, sondern höchst aktuell und seiner Zeit weit voraus. Auch in der Pädagogik:

Der Verfasser Heinrich Hoffmann ist der Meinung, dass man Kinder nicht schimpfen und strafen muss, wenn man ihnen klar macht, welche Folgen ihr Tun hat: Struwwelpeter macht sich lächerlich. Der bitterböse Friederich wird vom Hund gebissen, der sich Misshandlungen nicht gefallen lässt. Der Suppenkasper verhungert, wenn er sich weigert zu essen. Das zündelnde Paulinchen kommt im Feuer um. Das Buch zeigt den Kindern, was passieren kann, wenn man sich falsch verhält. Dazu kommt der Rat: "Versetz dich in die Lage eines anderen. Stell dir vor, du wärst ein Mohr oder der Hase würde auf den Jäger schießen."

Die Geschichte vom Mohren und dem Nikolas könnte auf einer wahren Begebenheit beruhen: Zar Peter der Große (1672-1725) besaß einen afrikanischen Sklaven. In Darmstadt ging die Sage um, ein russischer Großfürst habe einen kleinen Mohren mitgebracht, der von den Darmstädter Lausbuben als "Nikeloos" (verkleidete Gestalt) verspottet wurde. [1] So lässt sich erklären, warum bei Hoffmann der "große Nikolas" die Ehre des Mohrenkindes retten muss.

Altmodisch ist allerdings die Sprache. Hoffmann sprach hochdeutsch mit hessischem Akzent. Das merken wir schon im Vorspruch: "Bringt es ihnen Guts genug und ein schönes Bilderbuch:" Hoffmann sagte "genuch", daher reimt sich's. Mundart ist auch der Name des Titelhelden: Struwwel gehört zu hochdeutsch struppig 'borstig', Gestrüpp 'Dickicht', sträuben 'emporstehen lassen'. [2]

 Wahrhaft haarsträubend ist die Frisur des ungepflegten Knaben.

Veraltet, schon damals, waren einige Namensformen wie Friederich und Ludewig (reimt sich auf "wehrte sich"). Hier musste der Dichter die Verszeilen füllen, sonst schreibt er "Ins Bett muss Friedrich nun hinein" und "Da kam der Ludwig angerannt." Interessant ist auch, dass Hoffmann noch die deutschen Namen Ludwig und Hans(-guck-in die Luft) verwendet, und nicht, wie gegen Ende des Jahrhunderts üblich, die französischen Louis und Jean.

Ein literarisches Meisterwerk ist dieses Buch nicht. Aber seine Weisheit ist heute noch bedenkenswert.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[1] Heinrich Enders, Em Großferscht sein Mohr. Das große Buch des Darmstädter Humors 1,233-336

[2] In einer römischen Inschrift wird der Frauenname Strubiloscalleo genannt (Grimm, Dt. Wb. 19,1630), zu Struwwel und (Hirn-)Schale.

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Echo Online

 

Datum: 26.05.2009

Aktuell: 26.07.2016