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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Klötzchen Blei

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei". Dieser schwäbische Zungenbrecher inspirierte Eduard Mörike zum Märchen vom "Stuttgarter Hutzelmännlein" und gab einem Kalkfelsen bei Blaubeuren seinen Namen.

Blei ist langweilig, was ist da viel zu schreiben? Das Wort kommt von althochdeutsch blîo, das ist verwandt mit blau (blâo) und bleich (blîch), ein altes Farbwort also mit der Bedeutung 'bläulich-grau'. Wichtig ist noch der Bleistift, der Graphit enthält. Man dachte erst, das wäre ein Bleierz. Es besteht aber aus Kohlenstoff. Das war's also, die kürzeste Sprachecke aller Zeiten!

Aber halt mal, das Schwermetall hat noch einen anderen Namen, und der macht die Sache richtig spannend: Was heißt 'Blei' auf Englisch? Lead, altgermanisch lauda, das entspricht deutschem Lot. Aber Lot ist doch nicht dasselbe wie Blei, oder? Beim Echolot verwenden wir kein Metall, sondern Schall. Die Lotrechte ermitteln wir mit der Wasserwaage. Und zum Löten verwenden wir Zinn oder Legierungen, aber doch nicht das giftige Blei. Der übergewichtige Suppenkasper soll kurz vor seinem Tod "vielleicht ein halbes Lot" gewogen haben, das waren acht Gramm. Er starb nach rapidem Gewichtsverlust innerhalb einer Woche eher an Schwindsucht als an Bleivergiftung.
Was hat das alles mit Blei zu tun? Das Gewicht für die Waage war ursprünglich aus Blei, genau wie das an einer Schnur, mit dem der Maurer die Senkrechte bestimmt und der Seemann die Wassertiefe. Und gelötet hat man früher tatsächlich mit Blei.
Warum hatten die Germanen aber für 'Blei' zwei Vokabeln und für weit wichtigere Metalle nur eine? Das germanische lauda stammt aus dem Keltischen und lässt sich wie das altirische luaide auf laudia zurückführen. Dieses Wort kommt von indogermanisch pleud-, deutsch fließen, keltisch ohne P. Aus der Ablautform plaud- entstand nicht nur das keltische laudia, sondern auch das deutsche Floß, eigentlich 'das Fließen'. Lot ist also das 'fließende Metall'.
Damit ist immer noch nicht erklärt, wozu die Germanen das keltische Wort brauchten: Das keltische laudia müsste eigentlich im Deutschen einen Umlaut (ö) haben. Den haben wir nicht im Substantiv, sondern im Verb löten, das wäre germanisch laudjan. Lauda, Lot ohne Umlaut ist daraus rückgebildet und bedeutet 'Lötmetall'. Jetzt wissen wir's: Die Germanen haben von den Kelten die Technik übernommen samt dem zugehörigen Fachausdruck.

Das war noch nicht alles, denn das Metall hat noch einen dritten Namen: die Plombe 'Bleifüllung, Bleisiegel', wieder eine technische Sonderbedeutung. Wie Lot von löten ist dieses Wort von einem Verb abgeleitet: plombieren 'mit Blei füllen'; dies kommt von französisch le plomb und letztlich von lateinisch plumbum 'Blei'.

   

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Echo Online

 

Datum: 18.08.2009

Aktuell: 26.07.2016