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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Komische Figuren

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Mein Gemeindepfarrer in meiner Jugend hatte ein Lieblingswort und das hieß Haderlump. Er meinte damit unsern inneren Schweinehund, der sich nicht bekehren und bessern will. Klar, ein Lump ist ein schlechter Kerl, ursprünglich ein heruntergekommener, in Fetzen gehüllter Obdachloser. Und Hader-, das kommt doch wohl von hadern 'streiten', oder? Demnach wäre ein Haderlump ein 'streitsüchtiger Penner'. Tatsächlich handelt es sich aber um eine verdeutlichende Zusammensetzung: Hader ist ein anderes Wort für Lumpen, die ostpreußische Form Kodder zeigt vorgermanische Lautung und ist wohl aus dem Baltischen entlehnt (litauisch s-kuduras).

Auch Ölgötze ist ein seltsames Wort. Ein Götze ist ein falscher Gott wie Mammon und Moloch, denen man alles opfert. Aber ein Ölgötze ist nicht das "heilige Erdöl", auf das ganze Industriekonzerne schwören, sondern eine tote Figur, die sich nicht äußern kann. In diesem Sinn sagen wir: "Sie sitzen da wie die Ölgötzen" und machen nicht den Mund auf. Der Ausdruck kam als Schlagwort bei der Reformation auf. Luther kritisierte 1520, dass die Leute während der damaligen Messe dastanden "wie die Ölgötzen", regungslos und unbeteiligt. Unter Götzen verstand man die Heiligenfiguren in der Kirche, zunächst ganz neutral, dann im Zuge der Reformation kritisch. Die Reformatoren lehnten den mittelalterlichen Bilderkult ab, so bekam das Wort Götze die heutige Bedeutung 'falscher Gott'.
Stumm und sprachlos dastehen wie Heiligenfiguren, das leuchtet ja ein. Aber warum redete Luther von Ölgötzen? Wie bei Haderlump handelt es sich um einen falsch verstandenen Ausdruck: Luther war Thüringer. In seinem  Heimatland bezeichnete Ölgötze das Rohr, aus dem bei der Ölkelter das gepresste Öl abfloss. Das hat nichts mit den Figuren in der Kirche zu tun, sondern kommt von gützen 'aus einem Rohr spritzen' (verwandt mit gießen).

Wenn jemand untätig herumsteht und mit offenem Mund zusieht, wie andere beschäftigt sind, dann sagt man: "Er hält Maulaffen feil" und bietet sie zum  Verkauf an. Mit Mundaffe bezeichnete man im 13. Jahrhundert einen Maulhelden, der zwar große Reden führte, aber keine Anstalten machte zu kämpfen. Im 15. Jahrhundert fordert ein Dichter die lärmenden Fastnachtsnarren auf: "Seid leise, ihr Kälber, Trottel und Maulaffen". Diese Jecken rissen also den Mund auf und machten Lärm. Weil törichte Menschen mit offenem Mund dastehen und verständnislos die Welt betrachten, kam die Redensart zu der heutigen Bedeutung. Man hat den Mund mit einem Kaufladen verglichen: "Na, was hältst du feil, weil du deinen Laden auf hast?"

Wenn Sie also einen Haderlump sehen, der wie ein Ölgötze dasteht und Maulaffen feil hält, wissen Sie Bescheid.

   
   

 

Leserbrief:

Ich komme aus der Oberpfalz und hier gibt es das Nomen Hadern. Es wird aber gleichbedeutend mit Lumpen verwendet, also Putzlumpen oder Putzhadern. Das Verb hadern/ herumhadern (umanandahadern) habe  ich kennen gelernt als 'sich gegen etwas im Geiste sträuben und verkrümmen, eine Situation nicht akzeptieren wollen' und im weiteren Sinn - wie Sie es auch anführten – 'streiten'. Daher hatte ich bisher gedacht, ein Putzhadern heiße deshalb so, weil man ihn dreht, drückt und krümmt.

 

Meine Antwort:

Bei 1. Hader 'Lumpen' und 2. hadern 'streiten' handelt es sich um zwei Wörter unterschiedlicher Herkunft:

1. Hader ist nur hoch- und niederdeutsch, seit dem 10. Jahrhundert bezeugt und die weiteren Zusammenhänge unsicher. Mir fiel dazu der ostpreußische Kodder und das litauische skuduras ein. Germanisches H ist aus indogermanischem K entstanden (Hals = lateinisch collum), daher wird Kodder nicht deutsch oder germanisch, sondern ein Fremdwort sein. Bei litauisch skuduras wurde ein s- davorgesetzt. Das hat man oft, auch im Deutschen (lecken / s[ch]lecken).

2. Hadern ist im Hochdeutschen nur in bestimmten Formulierungen üblich ("unzufrieden mit seinem Schicksal hadern") oder als gewählter Ausdruck für 'sich streiten'. Das Wort gehört mit Hader 'Streit' zu germanisch haðu 'Kampf', nur in Eigennamen und im Altenglischen in poetischen Zusammensetzungen. Dieser Ausdruck ist wohl mit altkeltischen Namen auf Catu- ins Germanische gekommen und ist in den heutigen keltischen Sprachen das geläufige Wort für 'Kampf, Schlacht' (irisch cath, walisisch cad). Es ist schon eigenartig, dass sich ein Fremdwort so lange gehalten hat, das im Germanischen nie zur Umgangssprache gehört hat.

Hader (mit -er, nicht mit -u) hat eine genaue Parallele in altslawisch kotora 'Streit, Zwist', welches in den heutigen slawischen Sprachen ebenfalls nur noch in Resten erhalten ist.

   

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Echo Online

Sprachecke 31.01.2017

 

Datum: 15.09.2009

Aktuell: 26.01.2017