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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Im Herbst der Bauer

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Im Märzen" hat der Bauer gesät, im Sommer Heu gemacht und Getreide gemäht, jetzt im Herbst "drischt er es aus; im Winter, da gibt es manch fröhlichen Schmaus."

Das hört sich nach Einmann- oder Kleinfamilienbetrieb an, in dem der Landwirt alles selbst macht und dazu eine Menge Maschinen benötigt, die nur einige Wochen langt genutzt werden können, also unrentabel sind. Früher war das Handarbeit, da wurden viele Hilfskräfte gebraucht: Knechte und Mägde für die wichtigsten Arbeiten wurden für ein Jahr angestellt, bekamen freie Kost und Logis und am Ende den vereinbarten Lohn. Für die Saisonarbeit braucht man noch zusätzliche Hilfskräfte. Heute wirbt man vor allem Erntehelfer aus Osteuropa an. Früher mussten alle im Dorf mithelfen, auch der Schulmeister, der sich bei den Bauern sein schmales Gehalt aufbesserte und morgens im Unterricht oft nichts mehr leisten konnte. Für viele war diese Arbeit die einzige Verdienstmöglichkeit, wenn sie kein Gewerbe oder eigenes Feld hatten. Alle diese Leute wurden täglich ausbezahlt, daher nannte man sie Taglöhner.

Oft reichten die örtlichen Arbeitskräfte nicht aus, da beschäftigte man beim Dreschen auch Wanderarbeiter, zum Teil aus Oberhessen und dem Fulder Land. Diese Hessendrescher oder Fulder waren kräftige Burschen, aber verrufen wegen ihrer rauen Sitten und ihrem unmäßigen Appetit. Daher kommt der Ausdruck "fressen wie ein (Hessen-) Drescher [1]". Auch "Fulder Mädchen" suchten in Südhessen Arbeit und "gingen in Stellung" auf einem Hof. Einige sind dageblieben und haben Einheimische geheiratet.

Wie aus dem Wort dreschen zu erkennen ist, hatte man ursprünglich die Körner mit den Füßen aus den Ähren herausgeschlagen: althochdeutsch drescan bedeutete 'schlagen, treten'. Schon vor 1200 Jahren scheint man den Dreschflegel gekannt zu haben, den man auf Althochdeutsch driskil nannte, noch um 1800 als Drischel bekannt. Flegel ist ein Lehnwort aus lateinisch flagellum 'Geißel': Der Flegel ist ja eine Art Peitsche, nur dass man an der Stelle des Riemens am Stiel ein kürzeres Holzstück befestigt hat. Auch die "Fulder" waren Flegel, aber in einem anderen Sinn: junge Männer, die sich nicht benehmen konnten. Aber taktlos durften sie nicht sein, denn sie droschen zu dritt im Takt auf das Getreide ein.

Die Fulder Drescher kamen nicht mehr, als man Anfang des vorigen Jahrhunderts die Dreschmaschine eingeführt hatte, angetrieben von einer Lokomobile, einer fahrbaren Dampfmaschine, später von einem Traktor mit Transmissionsrad. Da brauchte man nur noch ein paar Arbeiter, die in der Dorf-Dreschhalle oder in den Scheuern die Maschine bedienten

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Scheunendrescher ist eine verdeutlichende Zusammensetzung für Städter, die sich unter einem Drescher nichts mehr vorstellen können.

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Echo Online

Liedtext | Sprachecke: Im Märzen / Sommer / Winter der Bauer

 

Datum: 13.10.2009

Aktuell: 27.09.2016