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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schamster Ciao

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In Jerusalem bekam ich mit, wie sich eine Frau von einer anderen verabschiedete: "Lítraut" sagte sie. In Sankt Petersburg hörte ich im selben Zusammenhang "dósvi". Im Bayern und Österreich sagt man zum Abschied "pfüeti", in Wien "schamster", bei uns "tschüss" und "tschau" und in den angelsächsischen Ländern "goodbye, bye-bye". All das sind verschliffene Grüße, deren Ursprung fast nicht mehr zu erkennen ist. Da sprechen wir mit unserm "Wiedersehn" ja noch sehr deutlich.

Mit den exotischen Grüßen will ich mich nicht lange aufhalten. Statt "lítraut" habe ich das hebräische להתראות le-hit-ráʔôt (zum Sich sehen) gelernt, statt "dósvi" das russische до свиданя do s-vidánja (zum Einander sehen).

Dass das bairische pfüeti aus "b'hüet di" 'behüte dich Gott' entstanden ist, kann man sich ja noch denken. Schwieriger ist es zu raten, dass schamster eigentlich 'Ihr gehorsamster Diener' bedeutet, ähnlich wie das bekannte servus, das lateinische Wort für 'Sklave, Diener'. So ist auch das italienische ciao ("tschau") gemeint: 'Servus' heißt auf Italienisch schiavo ("skiavo"), in Venedig sciao ("schau").

Im Deutschen haben wir eine Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten für den Abschied. Früher sagte man "Lebe wohl" oder "Gott befohlen" (ich befehle dich Gott an, lege dein Schicksal in Gottes Hände). Unser Standardgruß "Auf Wiedersehen" ist erst seit dem 18. Jahrhundert bezeugt, wahrscheinlich unter Einfluss des französischen "au revoir" entstanden. Dieses wurde mit der Französisch-Mode in vielen Ländern verbreitet, auch in Israel und Russland. In den angelsächsischen Ländern, drückt man sich etwas anders aus: "till we meet again", bis wir uns wieder begegnen, oder "see you (later)", sehe Sie (später), deutsch "wir sehen uns".

Aus dem Französischen stammen auch ade, adieu und tschüss. Adê war schon im Mittelhochdeutschen bekannt und stammt aus einem französischen Dialekt an Stelle des Pariser adieu, eigentlich "à Dieu" 'Gott befohlen'. In der Betonung "áddee" ist dieser Gruß heute noch in Südwestdeutschland gebräuchlich. In Hessen sagte man noch vor hundert Jahren adieu, gesprochen "adschée". Auch das moderne tschüss ist eine Variante dieses Grußes. Dieses Wort lautet im Niederdeutschen "tschüüs" und ist dort gekürzt aus adjuus, der belgisch-wallonischen Variante von adieu.

Der typisch englische Abschiedsgruß lautet goodbye. Das ist verschliffen und umgedeutet aus dem schottischen "God be wy ye" 'Gott sei mit euch'. Bye-bye stammt aus der Kindersprache und hat auch die Bedeutung 'heia, schlafen', vielleicht weil das Kindermädchen nicht "gute Nacht", sondern "goodbye" wünschte. Unsre Kinder sagen heia, nach dem Wiegenlied "(H)eia popeia". Aus ade wurde im Kindermund ada-ada 'weg, spazieren'.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 20.10.2009

Aktuell: 07.11.2016