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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Geuerlich

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es sah ziemlich ungeheuerlich und beängstigend aus, das Wort geuerlich, das mir beim Lesen eines Textes aus dem 16. Jahrhundert immer wieder begegnete. Ich musste einige Zeit nachdenken, bis ich merkte, dass es sich um unser gefährlich handelt: Statt F schrieb man V, im Wortinnern U. Und E steht für den Umlaut Ä, den man noch nicht kannte. Es ist also kein furchterregendes Ungeheuer, aber man muss vorsichtig sein.

Gefahr ist ein Unheil, das uns widerfahren kann, wenn wir fahrlässig und ohne Erfahrung durch die Welt fahren. Das war schon immer so, nicht erst beim heutigen Autoverkehr. Zur Zeit des Froschkönigs kam es immer wieder vor, dass "der Wagen brach" und Achsen oder Räder kaputtgingen, dass die Pferde scheuten, davonrasten und die Kutsche umwarfen, dass Räuber die Equipage anhielten und ausplünderten. Im Mittelalter konnten viele nur mit Geleitbriefen und in Begleitung Bewaffneter reisen. Die Reisenden mussten sich vor Bären und Wölfen in Acht nehmen und konnten auch auf sicheren Strecken verunglücken. Ob zu Gefährt oder zu Fuß: Es war gut, wenn man bei seiner "Fahrt" Gefährten hatte, nicht nur Kameraden oder Gesellen, die eine Zeitlang in derselben "Kammer" oder im selben "Saal" schliefen wie man selbst.

Fahren steht heute im Gegensatz zu gehen. Wir fahren, wenn wir ein Hilfsmittel verwenden, ob es Räder sind, Kufen, Schiffe oder Ballons. Die alte, allgemeine Bedeutung war 'reisen, von einem Ort zum andern ziehen'.

Wer in zweckmäßiger Kleidung mit dem Gepäck vor der Haustür steht und auf die Pferde wartet, ist für die Reise gerüstet, "fährtig", fertig und bereit zu "reiten" oder zu "fahren".

Unterwegs lernt man Land und Leute kennen und macht Erfahrungen. Denn in der Fremde muss man sich anderen Herausforderungen stellen als zu Hause, wo alles seinen geregelten Gang nimmt. Deshalb mussten die Handwerksburschen auf Wanderschaft gehen.

Noch allgemeiner war die Bedeutung 'sich bewegen'. Dahinfahren bedeutete 'weggehen', auch 'sterben'. Wer seine Habseligkeiten achtlos "fahren ließ", handelte fahrlässig. Er hat sie vielleicht auch mal in der Postkutsche liegen lassen, so dass sie ohne ihn weiter gefahren sind. Meist aber hat man sie "nachlässig" behandelt und dabei riskiert, dass sie kaputt oder verloren gingen.

Wir gebrauchen heute fahren nicht nur im Sinn von 'sich fortbewegen', sondern auch von 'ein Fahrzeug lenken'. Wer am Steuer sitzt, ist ein Fahrer. Dazu braucht er nicht einen "Fahrerschein", sondern einen Führerschein, der ihm erlaubt, "ein Kraftfahrzeug zu führen". Hier hat sich noch die ältere Unterscheidung vom passiven fahren und aktiven führen erhalten. Die Fahrerlaubnis ist notwendig, weil das Autofahren doch ziemlich "geuerlich" ist.

   

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Echo Online

Sprachecke 26.07.2005 | 27.09.2011

 

Datum: 27.10.2009

Aktuell: 26.03.2016