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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Nemo und die Verneinung

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der liebenswerte junge Fisch namens Nemo aus dem Film „Findet Nemo“ hat sein Vorbild in dem Zukunftsroman „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Vernes. Dort kommt ein Kapitän Nemo vor, der mit einem Unterwasserschiff die Ozeane durchkreuzt oder besser: sich vor der Welt versteckt. Sein Name deutet das an: lateinisch nemo (mit kurzem /e/) bedeutet ‚niemand’. Der Kapitän verbirgt seine wahre Identität, indem er sich „Niemand“ nennt. Den, der er einmal war, gibt es nicht mehr.
Nemo, der Fisch, und Nemo, der Kapitän, dazu gehört ein Dritter, der griechische Seefahrer Odysseus: Er kommt auf seiner Heimfahrt vom Trojanischen Krieg zu den einäugigen Zyklopen und bittet dort den Polyphemos um Unterkunft. Der Menschenfresser fragt ihn nach seinem Namen. Odysseus stellt sich vor als „Niemand“. Der Riese, der bereits einige Gäste gefressen hat, weiß, was sich gehört, und bietet als Gastgeschenk an: „Niemand wird zuletzt verspeist.“ Schließlich gelingt es den Griechen, den Zyklopen zu blenden. Der schreit laut vor Schmerz und tobt in der Höhle herum. Teilnahmsvoll erkundigen sich die Nachbarn: „Was ist denn los?“ Polyphemos: „Niemand hat mir mein Auge ausgestochen.“ - „Wenn dir niemand was getan hat, brauchst du doch nicht so zu schreien!“ Ein ausgekochtes Schlitzohr, dieser Odysseus!

Zurück zu Nemo! Ähnlich wie unser niemand aus ni je man ‚nicht irgendein Mensch, kein Mensch’ ist lateinisch nemo aus ne homo ‚nicht (ein) Mensch, kein Mensch’ entstanden.
Nicht verneint einen Satzteil: „Ich fahre nicht“ ist das Gegenteil von „ich fahre“: Je nach Betonung: „Ich fahre nicht“ = Es stimmt nicht, dass ich fahre (ich bleibe da). Oder: „Ich fahre nicht“ = “Es stimmt nicht, dass ich es bin, der sich ans Steuer setzt (du sollst fahren).
Niemand, kein, nichts verneinen Subjekt, Objekt oder den ganzen Satz: „Niemand hat mir ein Auge ausgestochen“ bedeutet im normalen Sprachgebrauch: Es stimmt nicht, dass mir jemand ein Auge ausgestochen hat. Ich habe das Auge auf andere Weise verloren. Oder: Ich habe es gar nicht verloren.
Manche sagen null statt kein: „Ich habe null Ahnung.“ Aber die Ahnungen werden doch nicht gezählt („gestern hatte ich 5, heute 0 Ahnungen“). Sondern ich verneine, dass ich etwas weiß.
Dass kein nicht dasselbe ist wie null, zeigt folgende lustige Rechenaufgabe: „Keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze, folglich hat eine Katze drei Schwänze.“ Was ist da falsch? Mit dem ersten Satz ist ja gemeint: „Es stimmt nicht, dass eine Katze zwei Schwänze hat.“ Richtig wäre die Rechnung: „0 Katzen haben 0 Schwänze und 1 Katze 0+1 = 1 Schwanz“.
Wenn nicht ein Satzteil oder der ganze Satz verneint werden soll, sondern der Sinn eines Wortes, setzen wir un- davor. Wenn wir jemand die Eigenschaft absprechen, ein Mensch zu sein, sagen wir: „Er ist ein Unmensch“. Ähnlich im Lateinischen mit in-: in-humanus ‚unmenschlich’. Im Griechischen steht an- oder a-: a-pathisch ‚teilnahmslos’ (nicht pathetisch). Ein An-alphabet ist, ‚wer das Alphabet nicht kann’.

Man kann sich drüber streiten, ob man ein Kind nach dem Fisch Nemo ‚Niemand’ nennen soll. „Unmensch“ bedeutet dieser Name auf keinen Fall. Das ist schon mal positiv.

   

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Datum: 2003

Aktuell: 26.07.2016