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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Übersehenes Unwort

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Seit 1991 wählt eine Jury aus Vorschlägen der Bevölkerung ein "Unwort des Jahres". Das sind Wörter, "die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen." Auf der Liste stehen schreckliche Ausdrücke, die für das jeweilige Jahr typisch sind wie 1997 Wohlstandsmüll 'Menschen, die nicht arbeiten wollen oder können' oder 2008 notleidende Banken, die sich als Opfer verstehen, obwohl sie an der Finanzkrise selbst schuld sind.

Ein Unwort steht nicht auf dieser Liste und kann auch nicht darauf stehen, weil es typisch ist nicht für zwölf Monate, sondern für die letzten 120 Jahre, nämlich Verbraucher. Der 25. Band von Grimms Wörterbuch (ab 1886) hat dieses Wort noch nicht; es ist aber spätestens ab 1902 nachweisbar. Berühmt wurde der "Normalverbraucher" bei den Lebensmittelkarten in Krieg und Nachkriegszeit.

Wieso ist Verbraucher ein Unwort? Ich verbrauche Lebensmittel und Energie und habe im Laufe meines Lebens eine Unmenge Papier und Stifte verbraucht. Die Lebensmittel esse ich auf, dann sind sie weg. Die Rückseite von einseitig beschriebenem Papier verwende ich für Ausdrucke. Andere Bedarfsgegenstände wie Kleider, Möbel, Geräte sollten möglichst lange halten. Schade, dass sie so schnell kaputt gehen.

Verbraucher ist ein Unwort, weil es den Anschein erweckt, dass wir alles, was wir kaufen, schnell vernichten oder kaputtmachen, damit wir uns gleich wieder etwas Neues kaufen können. Das ist aber gar nicht so. Vielen wäre es lieber, wenn unsre Sachen länger halten würden.

Verbrauchen kommt von brauchen, das verwandt ist mit lateinisch fructus 'Nutzen, Frucht'. Deutsch Frucht ist ein Lehnwort. Brauchen hat zwei Bedeutungen: 'benutzen'  und 'benötigen'. Im ersten Sinn sagen wir zum Beispiel: "Ich kann die Handschuhe gut brauchen." Im zweiten Sinn: "Ich brauche Ruhe." In der Bedeutung 'nötig haben' ist brauchen fast zu einem Hilfsverb geworden: "Du brauchst heute nicht zu kommen", du hast es nicht nötig, du musst nicht. Das ist der klassische Sprachgebrauch[1]. Das umgangssprachliche "du brauchst nicht kommen" versteht brauchen als Hilfszeitwort.

Ein Wort kritisieren ist leicht. Aber was sollen wir sonst sagen? Konsument ist auch nicht besser, denn das zugrunde liegende lateinische consûmere bedeutet ebenfalls 'aufzehren, bis nichts mehr da ist'. Vielleicht sollten wir uns lieber als "Käufer" verstehen, oder als "Benutzer", wie bei der Leihbücherei: Wir verwenden einen Gegenstand, solange wir seiner bedürfen ("ihn brauchen"), und überlassen ihn dann anderen.

Ein griechischer Philosoph soll gesagt haben – ich weiß nicht, wer es war und wo es geschrieben steht: "Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren ich nicht bedarf."

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] z. B. Goethe, Götz von Berlichingen 1. Akt, Jaxthausen: "Du brauchst nicht rot zu werden."

 

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Echo Online

 

Datum: 12.01.2010

Aktuell: 26.07.2016