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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Religion

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Hirnforscher wollen herausgefunden haben, dass einige Stellen im Gehirn besonders aktiv sind, wenn katholische Nonnen beten oder buddhistische Mönche meditieren. "Jetzt wissen wir endlich, was in einem religiösen Menschen vorgeht", sagen die einen. "Wir haben Gott im Gehirn entdeckt", jubeln die anderen. "Die Wissenschaft hat festgestellt, dass das alles bloß Hirngespinste sind", geben die dritten zu bedenken.

Haben die Wissenschaftler damit verstanden, was Religion ist? Da geht's doch nicht nur um Beten, Meditieren und außergewöhnliche Geisteszustände. Ich wage zu behaupten, dass die meisten religiösen Menschen diese Zustände oder Erfahrungen gar nicht kennen. Für sie ist Religion eine Art zu denken und das Leben zu gestalten. Ihr Glaube ist eine gute Angewohnheit, nicht eine Abfolge spiritueller Erlebnisse. So etwas lässt sich kaum durch Hirnuntersuchungen feststellen. Vielleicht aber merkt man, wenn man mit frommen Menschen zu tun hat, ob ihnen ihr Glaube im Alltag hilft und ob er sie fähig macht, für andere da zu sein.

Was ist denn Religion? Unter religio haben die heidnischen Römer nicht 'Spiritualität, 'Glaube' oder 'Konfession', sondern 'Gewissenhaftigkeit' verstanden, die sorgfältige Erfüllung aller Pflichten in jeglicher Hinsicht, der Familie, dem Staat und den Göttern gegenüber. Was wir heute Religion nennen, war nur ein Teilaspekt.

Schon die Römer waren sich nicht einig, woher dieses Wort kommt. Cicero (1. Jahrhundert v. Chr.) hat religio abgeleitet von re-legere 'immer wieder lesen', daher 'sich immer wieder neu besinnen, gewissenhaft sein', der lateinische Christ Lactantius (um 300) von re-ligare 'anbinden', nämlich 'sich an Gott binden'. Dies war die mittelalterliche Auffassung. Schon Cicero erkannte die Verwandtschaft zu di-ligere 'hoch achten, schätzen' (christlich: 'Nächstenliebe üben'), di-ligens 'sorgfältig', neg-legere 'verachten, vernachlässigen'. Religion war also kein Glaube, sondern eine Lebenshaltung.

Im Mittelalter spielte das Wort Religion keine Rolle. Man unterschied Christen, Juden und Nichtchristen (Heiden). Man behalf sich mit Wörtern wie kristengeloube, kristenheit, jüdischheit, heidentuom, um die unterschiedlichen Lebenskonzepte zu benennen.

Zum Thema wurde die Religion durch die Reformation, als auf einmal innerhalb des Christentums mehrere Konfessionen 'Bekenntnisse' entstanden. Konfessionelle Spaltungen hat es immer gegeben. Sie sind auch nicht typisch für das Christentum, es gibt sie in allen Weltanschauungen. Denn auch das, was wir Religion nennen, ist wie Atheismus und andere "-ismen" eine Weltanschauung: ein Denk- und Lebenskonzept, verbunden mit Werten und Normen, denen man verpflichtet ist und an die man glaubt.

   

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Echo Online

Begriffe: Glaube. Unglaube, Andersglaube

 

Datum: 02.02.2010

Aktuell: 26.03.2016