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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Riesen und Zwerge

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das verstoßene Schneewittchen findet Zuflucht bei sieben Zwergen, die etwa ihre Größe haben. Wenn wir diese Geschichte aus der Märchenwelt ins tägliche Leben herüberholen, dann ist das ein Lebenslauf mit den üblichen Konflikten: Hier kommt eine Mutter mit ihrer Tochter nicht zurecht und steckt sie in ein Internat, wo sie unter Gleichaltrigen aufwächst. Schließlich tritt ein junger Mann in ihr Leben, der sie heiratet. Der Bräutigam ist kein Prinz, sondern Techniker oder Beamter. Auch die Brauteltern sind nicht von Adel, sondern Menschen wie du und ich.

Genauso ist es auch beim Tapferen Schneiderlein: Der angehende Kleidermacher "gibt an wie eine Tüte Mücken" und trickst Menschen aus, die größer sind als er selbst, nicht die Riesen, sondern die Erwachsenen. Er geht, wie es sich gehört, auf Wanderschaft und lernt in einer Stadt ein Mädchen kennen. Dessen Vater will nicht nur Worte hören, sondern Taten sehen: Der Schneider muss sich erst einmal selbst beherrschen lernen, dargestellt in den Symbolen von Riesen (die ungezügelte Kraft), Einhorn (ein Penissymbol) und Wildschwein (der innere Schweinehund). 

In diesen beiden Märchen stehen Zwerge und Riesen für Kinder und Erwachsene. Ursprünglich waren diese Wesen Geister.

Zwerg, althochdeutsch twerc, geht auf germanisch dwerga zurück, das sich von indogermanisch dʰverikón 'was zur Tür (dʰver) gehört' ableiten lässt. Dann wären die Zwerge Hausgeister (Kobolde) gewesen, die unter der Türschwelle lebten. Diese Vorstellung hat sich bis in die heutigen Bräuche erhalten: Man soll nicht auf die Schwelle, also auf den Geist treten.[1] Deshalb trägt der Bräutigam die Braut über die Schwelle.

Der Riese verkörpert die ungezähmte Natur in und außerhalb von uns. Er ist ungeschlacht, also 'nicht aus vornehmem Geschlecht', haust in den Bergen in einer Höhle und kämpft nicht mit dem Schwert, sondern mit einer klobigen Keule. Strohdumm ist er und lässt sich von einem schmächtigen Schneiderlein austricksen. In Skandinavien nannte man dieses Wesen Jǫtunn 'Fresser' (zu eta 'essen')[2] oder Þurs 'trocken'. Bei uns heißt er auch Hüne (zu keltisch cunos 'hoch', vermischt mit den Volksnamen Hunnen und Ungarn). Draufhauen, Felsen schmeißen, unmäßig fressen und saufen und Frauen entführen – mehr kann ein Riese nicht. Ähnlich hat man die Höhlenmenschen karikiert. Der Riesengorilla King Kong ist die moderne Version.

Das deutsche Wort Riese, germanisch wrisjas, hat man zu deuten versucht als 'Bergbewohner' und vergleicht damit litauisch vrišùs 'Scheitel, Gipfel' und ähnliche Wörter. Es lässt sich aber auch an ein weltweit verbreitetes Wort für 'männlich, stark' anschließen (altindisch vrṣa).

 

[1] schon in der Bibel: 1 Sam 5,5 (anders begründet), Zeph 1,9

[2] Grimm, Deutsche Mythologie 1,430. Im Altnordischen wurde /e/ vor /u/ zu /jǫ/

 

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Echo Online

 

Datum: 23.02.2010

Aktuell: 15.08.2016