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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wortbausteine

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Mit Vor- und Nachsilben wie zer- und -sam können wir neue Wörter bilden. Geht das auch nur mit diesen Wortbausteinen? Ich versuche es: Abheit würde ich verstehen als 'nicht mehr verbunden sein'. Ein Blick ins Web zeigt: Diese Erfindung ist schon patentiert: "Deine Abheit west mich an"[1]. Ein zweiter Versuch: Verunlichen gibt's wirklich nicht. Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte? Ich bin gespannt, auf welche Deutungen Sie kommen.

Eine unnütze Spielerei! Man kann allein aus Vor- und Nachsilben keine Wörter machen. Denn in ein anständiges Wort gehört eine bedeutungstragende Silbe, sonst gibt es keinen Sinn: Verantwortung enthält das sinngebende "Wort". Oder Ungetüm 'etwas außergewöhnlich Großes, Massiges'… ähm, Pardon, ich habe mich geirrt. Dieses Wort besteht ja tatsächlich nur aus Bausteinen.[2]

Mit diesen Silben können wir die Bedeutung der Wörter verändern und damit neue Vokabeln erzeugen: Wort 'Teil einer Rede' – Antwort 'Gegenrede' – dazu das Verb antworten verantwortest 'du legst Rechenschaft ab'. An diesem Beispiel wird klar, dass wir unterscheiden müssen zwischen Flexionsendungen, mit denen wir deklinieren und konjugieren (Mann-s, leg-st) und den Bausteinen, um die es hier geht (Präfixe vor dem Wort wie Ur-teil, Suffixe dahinter wie Teil-ung).

Viele Präfixe sind aus Präpositionen entstanden, auch wenn das heute oft nicht mehr zu erkennen ist: Bei vorstehen, anfangen, abgeben ist es ganz deutlich ("vor dem Haus, an der Tür, ab Frankfurt").

Be- ist das unbetonte bei. Bekommen war 'beikommen, zu etwas kommen' wie in hessisch "komm mal bei mich": Ich komme dazu, dass ich etwas habe, d.h. ich erhalte etwas. "Es bekommt mir nicht", es kommt bei mir nicht so an, dass es mir gut tut. Dagegen meint das englische become 'dazu kommen, dass man etwas ist', also 'werden'. Wie kommt es zu diesen Bedeutungsunterschieden? Das Englische hat das entsprechende alte weorthan verloren, das Deutsche gezzan 'kriegen'. Dem entspricht englisch get[3]. Vergessen (englisch forget) ist das Gegenteil mit der Sonderbedeutung 'nicht im Gedächtnis behalten'. Als Ersatz für die verlorenen Wörter hat man bekommen umfunktioniert. Das Gotische lässt die alte Bedeutung noch ahnen: biquiman 'herbeikommen um zu schaden, überfallen'.

Ge- ist entstanden aus einem urgermanischen ha-, das in der unbetonten Vorsilbe stimmhaft geworden ist. Es entspricht dem lateinischen co(n)- 'mit-, zusammen-' in Kooperation 'Zusammenarbeit', Konvent 'Zusammenkunft'. Ganz deutlich ist die Verwandtschaft bei gemein(sam) und lateinisch communis. Bei Gefährte 'Mitreisender, Begleiter' lässt sich die alte Bedeutung 'mit' noch erkennen, in Gebirge 'Ansammlung von Bergen' die Bedeutung 'zusammen'

 

[1] I. R. Gendwer. "Deine Abwesenheit ist mir ständig anwesend 'gegenwärtig'. Du fehlst mir sehr."

[2] weiteres Beispiel: Urtümlichkeit 'unverfälschte ursprüngliche Art'. – Hessisch äbsch 'verkehrt' (äbig 'abartig') ist keine Zusammensetzung, sondern eine Ableitung von einer Präposition wie bei vorig.

[3] Von altnordisch geta 'bekommen'. Die altenglischen Vokabeln waren niman, tacan 'nehmen, to take', læccan 'fassen, ergreifen, begreifen' (latch 'Türgriff'), alle in der Bedeutung 'aktiv ergreifen'. Das passive 'sich geben lassen' ist erst später gebildet.

 

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Echo Online

Sprachecke 14.10.2014

 

Datum: 02.03.2010

Aktuell: 26.03.2016