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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ledige Singles

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Einen Menschen, der noch nicht verheiratet war, nennen wir ledig, ursprünglich 'frei, ungebunden': Der Unverheiratete hat keine Verpflichtungen gegenüber einem Ehepartner.

Im Niederländischen bedeutet ledig (Kurzform leeg) 'leer': Unter "ledige single" würde ein Holländer eine unbespielte, "leere" Schallplatte verstehen. Wir denken an eine alleinstehende Person, die noch nicht verheiratet war. Es gibt auch geschiedene oder verwitwete Singles 'Alleinstehende'. Das deutsche alleinstehend hört sich an, als ob das ein Mangel wäre. Das englische Single wertet nicht und entledigt uns eines Rechtschreibproblems: Nach der neuen Rechtschreibung ist "allein stehend" richtig. Es bedeutet aber nicht 'isoliert in der Gegend stehend', sondern 'unverheiratet', daher ist "alleinstehend" besser.

Bei dem englischen Wort unterscheiden wir das Single 'Einzelspiel beim Tennis', die Single 'kleine Schallplatte mit einem einzigen Stück' und der Single 'unverheirateter Mensch'. Das zugrunde liegende lateinische singulus bedeutet 'je einer, einzeln, allein'. Der Singular (numerus singularis) heißt auf Deutsch Einzahl.

Einen unverheirateten Mann haben die Römer aber nicht singulus genannt. Dafür hatten sie das Wort caelebs. Kommt Ihnen das bekannt vor? Es steckt in Zölibat 'die pflichtmäßige Ehelosigkeit katholischer Geistlicher'. Wie kommt man von ae auf ö? Im klassischen Latein unterschied man cella, amoenus, caelebs 'Zelle, lieblich, ehelos', gesprochen "kella, amoinus, kailebs". Im Mittelalter schrieb man alles mit einfachem E. Zu Beginn der Neuzeit versuchte man die oe- und ae-Wörter wieder richtig zu schreiben, wählte aber fälschlich die Schreibung coelibatus (männlich). In der Umgangssprache sagen wir "das Zölibat".

Die Ehelosigkeit der Geistlichen hatte einmal einen Sinn: Sie verhinderte, dass sich in Westeuropa eine Priesterkaste entwickelte wie in Indien. Adel und Bauern waren ja bereits eine Kaste. So blieb aber die Gesellschaft durchlässig: Vom Leibeigenen bis zum König konnte jeder in den geistlichen Stand überwechseln. Für die Kirche war es besser, wenn jemand aus Überzeugung und eigener Entscheidung Priester wurde und nicht, weil es der Vater auch war. Dazu kommt: Ein Geistlicher hatte in der Regel keinen eigenen Bauernhof und hätte daher seinen Kindern keine Existenzgrundlage mitgeben können. Da war es besser, keine Familie zu haben - vor 1200 Jahren, nicht heute.

Einen noch nicht verheirateten jungen Mann nennen wir Junggeselle, so schon bei Hans Sachs (16. Jahrhundert). Lessing (18. Jahrhundert) prägte die weibliche Form Junggesellin. Die Bedeutung 'jüngster Handwerker' ist erst seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar.[1]

 

 

[1] Hans Sachs (in Grimms Dt. Wb. 10,2394). Schon im Spätmittelalter hat Geselle nicht nur 'Kamerad', sondern auch 'Arbeitskollege, Handwerker' bedeutet.

   

Leserbrief
Dankbar bin ich Ihnen für Ihre Ausführungen zum ursprünglichen Sinn des Zölibates. Sie führen das Vermeiden einer Priesterkaste an. Das Byzantinische Reich verfuhr vergleichbar bei seinem Beamtenapparat, indem nur Eunuchen Karriere machen konnten. Damit eine Verwaltungskarriere möglich war, ließen ehrgeizige Eheleute einen Teil Ihrer männlichen Nachkommen kastrieren, um sie dann auf eine Eliteschule, die auf Posten in der Verwaltung vorbereitet hat, schicken zu können. Nachzulesen ist dies im Standardwerk "Byzanz" von John J. Norwich. Der Autor beschreibt auch, dass Eunuchen im byzantinischen Militär sogar bis zum Heerführer bringen konnten.

   

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Echo Online

Begriffe: Familie | Verwandtschaftsbezeichnungen

 

Datum: 23.03.2010

Aktuell: 26.03.2016