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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sommerzeit

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Jetzt haben wir Sommerzeit. Am Sonntag ist die Uhr eine Stunde vorgestellt worden. Die Sonne geht später auf, daher ist es abends länger hell. Wir können also abends länger auf dem Feld oder im Garten arbeiten oder sonstigen Beschäftigungen im Freien nachgehen. Im Winter gibt es draußen nicht so viel zu tun, da kann man die Uhr wieder zurückstellen. Erklärtes Ziel dieser Maßnahme war, in den beiden Kriegen und der Nachkriegszeit künstliches Licht zu sparen. 1980 wurde die Sommerzeit in Deutschland wieder eingeführt, um in Westeuropa eine einheitliche Regelung zu schaffen.

Ab 31. Oktober geht die Uhr wieder normal. Haben wir dann Normalzeit oder Winterzeit? Normalzeit ist missverständlich, denn das könnte auch die für Deutschland maßgebliche Mitteleuropäische Zeit sein. Auch wenn die Uhr vorgestellt ist, bleiben wir in unsrer Zeitzone. Winterzeit ist also das angemessene Gegenwort von Sommerzeit.

Einheitliche Zeitzonen gibt es erst seit dem 1. Oktober 1884. Die Neuregelung war durch die Erfordernisse der Eisenbahn notwendig geworden. Ursprünglich hatte jeder Ort seine eigene Uhrzeit, je nachdem, was die Sonnenuhr anzeigte. In unsrer Gegend geht die Sonne 25 Minuten später auf als am 15. Längengrad östlich von Berlin, nach dem sich die Mitteleuropäische Zeit richtet.[1]

Wann Sommer- oder Winterzeit ist, ist willkürlich festgelegt. Als Beginn der Jahreszeiten gelten heute die Sonnenwende (21. Juni und Dezember) und die Tag- und Nachtgleiche (21. März, 23. September). Die Sonne entfaltet ihre größte Kraft erst im Juli. Ebenso kommt der Winter erst im Januar richtig in Fahrt.

Früher hat man anders gerechnet: Da begann der Sommer schon im Mai.[2] Bei der Sonnenwende hatte er seinen Höhepunkt, den Mittsommer. Dieses Wort ist im Deutschen vor 1900 kaum nachweisbar. Es stammt wohl aus England oder Skandinavien, wo es auch heute häufig gebraucht wird.[3] Statt der Sonnenwendtage hat man bei uns Johannistag (Geburtstag Johannes des Täufers am 24. Juni) und Weihnachten gefeiert.

Der Sommer hat einen uralten Namen, den nicht nur die Indogermanen kannten, sondern auch die Kaukasier, Semiten und Hamiten: Wörter, die mit sam- oder ham- beginnen. Die Grundbedeutung ist 'Wärme' (hebräisch chom).
Die Namen der anderen Jahreszeiten sind nur germanisch (Winter), westgermanisch (Lenz, Herbst) oder deutsch (Frühling, Frühjahr). Winter könnte mit keltisch vindos 'weiß' zusammenhängen, wäre also die 'weiße Jahreszeit'.
Jahreszeit (18. Jahrhundert)
[4] scheint Eindeutschung des französischen saison zu sein, das die Nebenbedeutung hat 'Zeitabschnitt, der für etwas günstig ist'. Saison kommt von lateinisch satio 'Zeit der Aussaat', wurde also verallgemeinert.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Alle 360:24 = 15 Längengrade weiter verschiebt sich die Zeit um eine Stunde. Zeitdifferenz zwischen Darmstadt und 15° Ost nach Darmstädter Bürgerbuch S. 137

[3] Google 17.03.2010: Belege im Verhältnis zur Sprecherzahl: deutsch 1 : englisch 405 : schwedisch 299

 

 

 

 

 

[4] erstmals bei Lessing (1729-81; Grimm, Dt. Wb. 10,2241)

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Echo Online

Begriffe: Jahreszeiten

 

Datum: 30.03.2010

Aktuell: 26.07.2016