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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Unfläter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Unsre Großtante wohnte bei uns im Haus und hat fleißig mitgeholfen, uns zu erziehen und uns gesittetes Benehmen beizubringen. "Böse Wörter", die ich aus dem Kindergarten oder der Schule mitbrachte, wurden verpönt, diejenigen, die so etwas sagten, als "Unfläter" disqualifiziert.
Normalerweise sagt man in Hessen Unflat ("Uufloot"). Das ist jemand, der kein Benehmen hat, nicht genug bekommen kann, unmäßig viel isst oder habgierig ist. Auch dicke Menschen und besonders große Tiere oder Gegenstände, Ungetüme, werden so genannt. Ursprünglich bedeutete dieses Wort 'Unsauberkeit', daher ist unflätig 'schmutzig, unanständig, unverschämt, unersättlich, groß'. Das Gegenteil, vlât 'Sauberkeit, Schönheit', war schon im Mittelhochdeutschen kaum gebräuchlich.

Die Unfläter, die von der Tante kritisiert wurden, waren also Kinder, die "unflätige", ungehörige Wörter gebrauchten. Was ungehörig ist, entscheiden die jeweilige Kultur und der Zeitgeschmack. Neulich blätterte ich in einem Buch eines Autors, der in der DDR aufgewachsen ist, da fiel mir der Ausdruck auf: "in dem Buch, das Luther ins Deutsche übersetzt hat." Der Verfasser windet und dreht sich, weil er als Atheist offenbar das Wort "Bibel" als unanständig empfindet. Genauso hat sich unsere englische Gastgeberin geziert, als sie uns erklären sollte, was "to do a wee" bedeutet: 'ein Kleines tun'. Bei uns sagt man "Pipi machen" ohne rot zu werden.

Vor hundert Jahren galt alles als unanständig, was mit Sexualität und Geburt zu tun hat. Man umschrieb: Adebar hatte der Mutter "ins Bein gebissen". Sie war danach "in anderen Umständen". Dann brachte der Storch "was Kleines". Nach Niederkunft und Entbindung gratulierten Verwandte und Bekannte zum "freudigen Ereignis".

Das Gegenteil, "trauriges Ereignis", ist nicht speziell der Tod, sondern irgendein Vorfall, der uns traurig macht. Stattdessen redet man von einem Trauerfall. Vor Jahren fiel mir auf, dass die Rechtschreibprüfung des Computers Wörter wie Totensonntag, Totenbett nicht kannte und Torten- vorschlug. Das ist inzwischen geändert. Es ist nicht so, dass wir die mit einem "Trauerfall" zusammenhängenden Wörter als unflätig empfinden, sondern das Thema selbst gilt als peinlich. Darüber spricht man nicht und möchte auch nicht daran denken.

Wörter sind dazu da, dass man sagen kann, was man meint. Ein Teil der verpönten "bösen" Ausdrücke dient aber nicht der Kommunikation, sondern um dem Herzen Luft zu machen. Da fahren uns Vokabeln über die Lippen, Kraftworte, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind. Heute sind das meist Bezeichnungen für Fäkalien. Früher hat man sich der religiösen Sprache bedient, hat Gott und den Teufel zitiert und alles, was damit zusammenhängt.

   

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Echo Online

Sprachecke 14.09.2004

 

Datum: 20.04.2010

Aktuell: 31.03.2017