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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zurück zur Natur

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Zwei Tage müht sich der Hausmeister mit der Motorsense ab, um das Bauerwartungsland vor unserm Haus nicht verwildern zu lassen. Schade um die schönen Malven und Wegwarten und Storchenschnäbel und wie sie alle heißen, die in voller Pracht stehen: Natur pur, eine Lust zu schauen. Aber mähen muss sein. Sonst wuchern dort ganz schnell Gestrüpp, Brombeeren und Nesseln. Im Nu entsteht ein undurchdringliches Dickicht, wie am Bahndamm ganz in der Nähe.

Was ist denn da draußen Natur? Die Blumen vor unserm Haus oder der Urwald an den Gleisen? Wenn wir der Natur ihren Lauf lassen, wächst innerhalb weniger Jahrzehnte alles zu.

Was ist überhaupt Natur? Das lateinische natura 'das Geborensein, die angeborene Wesensart' ist das Gegenwort zu cultura 'das von Menschenhand Gestaltete und Erschaffene'. Zur Kultur gehören nicht nur Messer und Gabel, Kleider, Zauberflöte, Museum und Sprachecke, sondern auch Park, Maisacker und Unkraut. Denn Quecke, Distel und Löwenzahn hatten im Urwald keine Chance. Sie konnten sich erst ausbreiten, als durch die Landwirtschaft große Freiflächen entstanden.

Natur ist zwar ein Fremdwort, aber es hat seit dem 9. Jahrhundert einen Platz in unsrer Sprache. Schon damals gab es die Wörter natûra, natûro-sago 'Naturforscher' und natûrlîh 'natürlich', vor allem im gelehrten Sprachgebrauch und in der Bedeutung 'Charakter' und 'außermenschliche Welt'.[1]

Im Mittelalter war daraus natûr(e) geworden. Zur bisherigen Bedeutung 'angeborene Art' kam nun in einigen Texten auch 'Instinkt, Geschlechtstrieb': "Wir zwei wollen süß mit der Natur spielen."[2] Hier merkt man, wie volkstümlich das Gelehrtenwort inzwischen geworden ist.

Seit Beginn der Neuzeit trat verstärkt in den Blickpunkt 'die von Menschen unabhängige Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien', also das, was ein Naturforscher untersucht und was man zur Reformationszeit Kreatur nannte, was Gott geschaffen hat.

Seit dem 18. Jahrhundert redet man von der Mutter Natur, deren Kinder alle Lebewesen sind, fast im Sinne einer Göttin: "In Zaubernacht, Mutter Natur, bet ich dich an!"[3]

Nachdem sich die Menschen im 18. und 19. Jahrhundert bemüht hatten, nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Umgebung nach Gutdünken umzugestalten, mit gezierten Manieren, Perücken und beschnittenen Bäumen, wollte man um 1800 wieder "zurück zur Natur"[4]. Natürlich 'der angeborenen Art oder dem Urzustand entsprechend', bekam jetzt auch die Bedeutung 'einfach, ungekünstelt, authentisch'.
Jetzt, als es fast zu spät war, begann man Schönheiten der unberührten Wildnis zu schätzen. Um 1800 wurden die ersten Rufe nach Naturschutz laut.[5] Dieser Gesinnungswandel hat unser Denken bis heute entscheidend geprägt. Darum suchen wir die letzten Reste der Natur zu erhalten und unsre Umwelt zu schonen.

Umwelt (seit 1800) bedeutete ursprünglich 'Umgebung, Lebensraum' und deutet seit 1909 auch die Wechselbeziehung zwischen Lebewesen, Menschheit und unbelebter Natur an. In den letzten Jahrzehnten haben wir erkannt, wie sehr wir in dieses Beziehungsgeflecht eingebunden sind. Wenn wir die Natur schädigen, zerstören wir unsre eigene Lebensgrundlage.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Das althochdeutsche Wort muss damals schon auf der zweiten Silbe betont gewesen sein, sonst würden wir heute ['na:tɛʳ] sagen, vgl. engl. ['neıtʃə]

[2] "wir zwei wollen der natûren spiln sûzlich" (Malagis 32a, nach 1450).

[3] Johann Gottfried Herder, St. Johannes Nacht (1772)

[4] eine Parole, die von Jean Jacques Rousseau (1712-78) inspiriert wurde. Ursprünglich war von der "unverfälschten Natur" eines Kindes die Rede.

[5] Erste Ansätze gab es schon im Mittelalter, wie das Weistum über die Dreieich  (1338) und das über die Dieburger Mark (1429) zeigen.

 

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Echo Online

 

Datum: 20.07.2010

Aktuell: 26.07.2016