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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Kurve kratzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In Frankreich sagt man, wenn ein Schiff an der Küste entlang fährt: "Il rase la côte", es streift die Küste. Man könnte auch übersetzen "es kratzt die Küste", ohne sie zu berühren.
Bei uns sagt man "die Kurve kratzen": Rennfahrer und manchmal auch eilige Verkehrsteilnehmer fahren auf der Innenseite der Kurve, weil dieser Weg kürzer ist. Normalerweise nennen wir das aber "die Kurve schneiden".
Mit "die Kurve kratzen" meinen wir vielmehr 'sich schnell davon machen'. Klar, wer es eilig hat wegzukommen, der nimmt den kürzesten Weg, rennt quer über den Rasen, springt über den Zaun, schneidet dabei die Kurven und streift vielleicht auch einmal eine Mauer. Der Ausdruck scheint erst um 1930 aufgekommen zu sein, wohl als 'die Kurve schneiden' im Zusammenhang mit dem Autofahren.
An alten Häusern und in Toreinfahrten stehen manchmal heute noch Prellsteine. Sie sollten verhüten, dass die hervorstehenden Achsen der Ackerwagen die Hausfassade beschädigten. Bei der Ein- oder Ausfahrt konnte es passieren, dass der Fuhrmann "die Kurve nicht kriegte", sie zu flach nahm und mit der Achse an der Mauer entlang schrammte und die Ecke einriss. Er wollte sich nicht schnell davon machen, sondern er war unvorsichtig. Die kleinen Unfälle an der Hofeinfahrt sind also kaum die Quelle für diese Redensart.

Für 'weggehen' sagte man früher auch abkratzen. Heute ist das ein derber Ausdruck für 'sterben'. Dieses grobe Wort hat angeblich einen piekfeinen Ursprung: Zu Hofe begrüßte und verabschiedete man sich mit einem Kratzfuß, einer kunstvollen Verbeugung, bei der man den einen Fuß nach hinten zog und dabei den Boden "kratzte". Die Bedeutung 'sich mit einem Hofknicks verabschieden' ist für abkratzen aber nicht bezeugt. Im Sinn von 'weggehen' war dieses Wort noch um 1850 nicht bekannt.

Abkratzen steht vielmehr für älteres abschaben: Was man abkratzt oder abschabt, will man nicht haben, daher bedeutete Schabab 'Abgeschabtes, Abfall; geh weg; fertig, aus'. Abkratzen ist also weiterentwickelt aus "Kratz ab! Du bist hier überflüssig. Wir brauchen dich nicht".
Schabab entspricht dem Rübchenschaben, einer Geste der Schadenfreude: Man streckt den Zeigefinger aus und fährt mit dem anderen Zeigefinger drüber. Der ausgestreckte Finger zeigt auf die verspottete Person, die Bewegung geht vom Körper weg, deutet also an: "Mach dass du fortkommst". Diese Gebärde erinnert an das Herausstrecken der Zunge, weltweit bekannt als Abwehrgeste. So hatte auch das Rübchenschaben ursprünglich eine abweisende Bedeutung.

Das moderne abhauen 'davonlaufen' ist seit dem 1. Weltkrieg gebräuchlich und abgeleitet von hauen in der Nebenbedeutung 'schnell laufen', eigentlich 'ein Pferd anspornen'.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 27.07.2010

Aktuell: 26.03.2016