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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rabeneltern

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was Rabeneltern sind, brauche ich leider nicht zu erklären. Denn immer wieder hören und lesen wir von ungewollten, ungeliebten, vernachlässigten, misshandelten, geschändeten, ja sogar verkauften Kindern. Elternliebe, auch Mutterliebe, ist nicht selbstverständlich. Wohl dem, der sie genießen darf oder durfte.

Wie kommen die Raben zu ihrem schlechten Ruf? 1350 schrieb der Gelehrte Konrad von Megenberg: "Die Raben werfen etliche Kinder aus dem Nest, wenn sie der Arbeit verdrießt mit ihnen, dass sie ihnen nicht genug Speise bringen können."[1] Das beruht wohl darauf, dass man ab und zu hilflose Jungvögel auf dem Boden findet. Seit dem 16. Jahrhundert gelten die Raben sprichwörtlich als schlechte Eltern. Der Verhaltensforscher Vitus Dröscher hat Kolkraben beobachtet und ihre Ehre gerettet: Die Altvögel sind mitnichten "Rabeneltern", sondern kümmern sich sehr liebevoll um ihre Jungen.[2]

Kolkraben gibt es bei uns nicht, wohl aber die mit ihnen verwandten Rabenkrähen. Beide sind schwarz. Der Kolkrabe ist größer und hat einen noch größeren Schnabel. Die Rabenkrähen heißen im Ried Raben, im Odenwald Krappen, zwei Ableitungen aus germanisch hravan. Das anlautende H wurde rau gesprochen wie bei "ach" und ist schon im Althochdeutschen verstummt. Im Odenwald hat es sich gehalten, ist aber zu K verhärtet. Ähnlich ist aus hring hochdeutsch Ring und mundartlich Kringen 'ringförmiges Polster' geworden. Von Rabe abgeleitet ist Rappe 'schwarzes Pferd' und der Schweizer Rappen. Die ersten Münzen dieser Art wurden im 13. Jahrhundert in Freiburg im Breisgau geprägt. Sie zeigten den Adlerkopf aus dem Zähringer Wappen, den man scherzhaft Rappen 'Rabe' nannte. Auf ähnliche Weise soll das Pfandsiegel zu seinem Namen Kuckuck gekommen sein.
Sprachecke 09.02.2016
Rabe und Krähe sind nach ihrem Ruf benannt, aber nicht weil der eine "rab" macht und die andere "kra". Die Namen gehen zurück auf ein alteuropäisches Wort für 'schreien': Dem Raben entspricht lateinisch crepare 'tönen', der Krähe unser krähen. Der Kolkrabe kann viele Laute von sich geben. Einer davon soll wie "kolk" klingen.

Die Rabenvögel sind Allesfresser und vertilgen auch Aas, wie in den südlichen Ländern die Geier. Deshalb heißt es im Kinderreim vom Reiter: "fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben". Raben und Krähen waren auf Schlachtfeldern und als "Galgenvögel" an Richtstätten häufig anzutreffen. Aber sie tun Artgenossen nichts zuleide, denn "eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus."

 

[1] nach RöLSR 4,26 f. Der ganze Abschnitt in moderner Übertragung steht im Web.

[2] Vitus Dröscher, Mit den Wölfen heulen, Econ Verlag 1978

 

 

 

Hinweis eines Lesers aus Michelstadt

Sie schreiben: "Kolkraben gibt es bei uns nicht..." Das traf mal früher zu, jedoch gibt es bereits seit einigen Jahren, und zunehmend mehr, brütende Raben, jedenfalls hier bei uns im Odenwald; eine solche erfreuliche Entwicklung ist auch bei anderen früher nicht zu beobachtenden Vogelarten festzustellen, z.B. Wanderfalke, Schwarz-Milan, Wiedehopf; vielleicht liegt's ja mit an der Klimaveränderung.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 03.08.2010

Aktuell: 26.03.2016